Kino: Der Fall Zhang Yimou und die chinesische ZensurTödliches Spiel

von Andreas Kilb

Vor zwei Jahren zeigte der Südwestfunk im Spätprogramm einen Spielfilm von Philipp Gröning, in dem drei Jungterroristen ein Attentat auf den regierenden Bundeskanzler versuchen. Das Echo auf „Die Terroristen“ war überwältigend: Der Kanzler schrieb einen bösen Brief, der zuständige Intendant entschuldigte sich, und sechzig deutsche Filmemacher protestierten öffentlich gegen die „Zensur“ von Grönings Film. „Die Terroristen“ liefen danach trotz allem noch ein paar Wochen lang in deutschen Programmkinos, unzensiert, aber erfolglos.

In China sind jetzt die Dreharbeiten zu „Shanghai Triad“ („Schanghai-Mafia“), dem neuen Filmprojekt des international bekannten Regisseurs Zhang Yimou, auf Befehl der Zensurbehörde eingestellt worden. Die Arbeit an der chinesisch-französischen Koproduktion, heißt es offiziell, sei „vorübergehend unterbrochen“ worden. Das amerikanische Branchenblatt Variety meldet außerdem, Zhang dürfe für die nächsten fünf Jahre weder mit ausländischen Finanzmitteln drehen noch mit seiner Lebensgefährtin und Hauptdarstellerin Gong Li zu internationalen Festivals reisen. Eine Begründung existiert nicht.

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Ein Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur besteht darin, daß es in allen Demokratien ein eingespieltes Modell von Öffentlichkeit gibt. Diktaturen dagegen kennen keine Öffentlichkeit. An deren Stelle tritt die Zensur. Ihr Verhältnis zur Kunst ist prinzipiell zweideutig, weil sie einerseits jede kulturelle Freiheit unterdrücken will, andererseits auf das Kulturelle als ihren Widerpart angewiesen ist. Ohne Kultur keine Zensur. Deshalb trachten die Zensoren wie routinierte Boxer danach, ihren Gegner bis zuletzt auf den Beinen zu lassen. Erst in der Krise des Systems, in den Zeiten der „Säuberung“, greift die Zensur zum totalen Verbot.

Die chinesische Filmzensur hat in den letzten Jahren gelegentlich Milde gezeigt. Sie hat nach dem Festivalerfolg von Zhang Yimous „Geschichte der Qiu Ju“ (1992) das Verbot seiner früheren Filme „Ju Dou“ und „Rote Laterne“ aufgehoben. Sie hat „Lebewohl, meine Konkubine“, das antikommunistische Meisterwerk von Chen Kaige (ZEIT Nr. 49/1993), mit geringen Schnittauflagen für den chinesischen Kinomarkt freigegeben. Sie hat andere, jüngere Regisseure der „fünften Generation“ bei ihren Projekten ermutigt oder zumindest nicht behindert.

Seit Beginn des Jahres ist diese Toleranz vorbei. Zur Premiere seines jüngsten Films „Leben!“ durfte Zhang nicht nach Cannes fliegen; Gong Li nahm für ihn den Spezialpreis der Jury entgegen. Der Regisseur Tian Zhuangzhuang („Der blaue Drache“) und einige seiner Kollegen wurden mit Berufsverbot belegt. Ausländische Koproduktionen, etwa die beliebten Joint-ventures mit japanischen, taiwanesischen oder Hongkong-Firmen, sind anscheinend bis auf weiteres untersagt.

Diese Repressalien gehorchen keiner tieferen Strategie. Sie entspringen allein der Angstlogik eines totalitären Apparats, der seiner eigenen Abschaffung ins Auge sieht. Der chinesische Kinomarkt schrumpft rapide, die einheimische Filmindustrie steht vor dem Zusammenbruch. Gleichzeitig steigt der Marktwert des chinesischen Films im Ausland. Immer mehr internationale Produzenten interessieren sich für die Projekte von Zhang, Chen und anderen. Das chinesische Kino droht der Zensur zu entwischen. Durch Verbote holt sie es sich nun zurück.

Zensur ist tödlich. Sie vernichtet nicht nur Kunstwerke, sondern auch Menschen. Aber weder Chen Kaige, der eine Wohnung in New York besitzt, noch Zhang Yimou haben sich bis jetzt dazu entschließen können, ihrem Heimatland den Rücken zu kehren. Solange sie nicht frei reden dürfen, ohne sich selbst zu gefährden, wird es schwierig sein, über die Entwicklung in China Genaueres zu sagen, und beinahe unmöglich, sie zu beeinflussen. Das Spiel der Zensur geht weiter. Die Opfer sind bekannt. Andreas Kilb

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