Von Peter Schüttler

Helmut Kohls Nichterscheinen überschattete den Leipziger Historikertag. An seiner Stelle grüßte nun Kurt Biedenkopf zur Eröffnungsveranstaltung im Gewandhaus und überbrachte ironisch die Grüße des „Historikers und Bürgers“ Kohl. Dann haschte er in freier, unzeremonieller Rede nicht etwa nach dem „Mantel der Geschichte“, sondern erzählte selbstkritisch, daß er eigentlich erst in Sachsen ein tieferes Verständnis für Geschichte gewonnen habe. Der eigentliche Eröffnungsvortrag des Berliner Soziologen Wolf Lepenies trug den schönen Titel „Von der Geschichte zur Politik der Mentalitäten“, den Lepenies so gar nicht auf „Nationalitäten“ reimen wollte. Im Blick auf die Umbrüche in Mittel- und Osteuropa entwarf er vielmehr das Konzept einer Politik der longue durée, das vor allem auf den in der französischen Geschichtsschreibung der Annales-Schule entwickelten Begriff der „Mentalitäten-Geschichte“ im Sinne langfristiger Verhaltensdispositionen und Denkgewohnheiten zurückgreift. Der Zusammenbruch der realsozialistischen Staaten habe Konflikte wiederaufbrechen lassen, die nur in der „langen Dauer“ zu verstehen seien. Statt also auf den „kurzen“ Streit der Ideologien und Regierungen zu starren, wie es in der traditionellen Politik- und Diplomatiegeschichte üblich sei, müßten Historiker wie Politiker eine „kühne Fristverlängerung“ vornehmen und die „trägen“ Ursachen und Bedingungen des Wandels kritisch analysieren. Nur so könnten anachronistische Fehlurteile gerade auch in bezug auf Nationalitäten vermieden werden.

Der abwesende Kohl blieb auch an den folgenden Kongreßtagen präsent. Da nämlich die interne Mitgliederversammlung des Historikerverbandes üblicherweise in zwei Hälften stattfindet, konnte sich die Spannung darauf, wie der Verband mit dem Konflikt umgehen würde, bis zum vorletzten Tag halten. Eine Kampfabstimmung schien unabwendbar, da einige konservative Historiker wie der Chef des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Horst Möller, gleich am ersten Tag eine explizite Verurteilung der „usurpatorischen“ Briefeschreiber verlangten, deren Schreiben an den Verbandsvorstand zur Absage des Kanzlers geführt hatten. Aber Möller reiste ab. Und so verständigte man sich im Hause der Muse Klio schließlich darauf, weder den Vorstand, der Kohl eingeladen hatte, noch dessen Kritiker zu rügen. Auch ein Antrag, künftig in Wahlkampfperioden keine Spitzenpolitiker mehr einzuladen, wurde zurückgezogen; in der Sache bestand darüber jedoch Konsens. „Schadensbegrenzung“ war also das Stichwort. Oder wurde womöglich etwas unter den Teppich gekehrt?

Immerhin ist das Verhältnis der deutschen „Historikerzunft“, wie sie sich gerne nennt, zum Staat und zur Macht seit jeher ambivalent. Noch in den sechziger Jahren bescheinigte der 1933 vertriebene Sozialhistoriker Hans Rosenberg seinen ehemaligen Kollegen eine „gouvernementale Denkweise“, die nicht hinreichend reflektiert werde. Das Versagen und Mitmachen der allermeisten Historiker im „Dritten Reich“ war in der Tat nur die logische Konsequenz eines extremen Nationalismus und Konservatismus, die auch nach 1945 keineswegs schlagartig verschwanden. Aber dies ist natürlich eine umstrittene Interpretation, die nur außerhalb Deutschlands konsensfähig ist.

So war es vielleicht symptomatisch, daß der politische Kontext der Kohl-Einladung und das Gesamtpanorama der durch diesen Kanzler seit zwölf Jahren forcierten „Geschichtswende“ nicht auf dem Kongreß selbst, sondern auf einer Veranstaltung des Amerika-Hauses und in einer kleinen alltagsgeschichtlich orientierten Zeitschrift durch den in North Carolina lehrenden Konrad Jarausch thematisiert wurden. Auf der Mitgliederversammlung des VHD dagegen begnügte man sich mit diplomatischem Pingpong. Allenfalls die polemischen Seitenhiebe des offenbar tiefgekränkten Vorsitzenden Lothar Gall fielen aus dem Rahmen. Desgleichen ein stürmischer Auftritt Hans-Ulrich Wehlers, der zwar pragmatisch für Beschwichtigung plädierte, aber vom Gestus her daran erinnerte, daß die inzwischen ergraute Generation der „Bielefelder Sozialhistoriker“ noch nicht völlig zugunsten der vom „Historiker Kohl“ favorisierten Kollegen abgedankt hat.

„Lebenswelt und Wissenschaft“ lautete das Rahmenthema des Kongresses. Eine Photomontage demonstrierender Leipziger zierte das offizielle Plakat. Der schon im Vorfeld von ihrem Thema eingeholten Veranstaltung fiel es allerdings schwer, auf dem gleichen spektakulären Niveau wissenschaftliche Brisanz zu erzeugen. Lag es vielleicht an der vergleichsweise geringen Resonanz unter den Leipziger Studenten? Obwohl alle vierzig „Sektionen“, davon über die Hälfte zu Themen des 19. und 20. Jahrhunderts, gut besucht waren, rekrutierten sich die Zuhörer, wie Einheimische versicherten, fast ausschließlich aus Zugereisten. Oder lag es an Referenten und Fragestellungen? Hier führten natürlich der Zufall und die geistige Konjunktur Regie. Denkt man zum Beispiel an die Polemiken zurück, die noch vor wenigen Jahren das Terrain der Alltagsgeschichte umlagerten, und an die Dynamik, die von diesen Forschungen ausging, signalisierte jetzt eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Historische Anthropologie“ eine verblüffende Saturiertheit: Die Kritik ist verstummt, der Buchmarkt erobert, aber der erfolgreiche Marsch durch die Institutionen droht nun in geistiger Selbstzufriedenheit und mit der Etablierung eines Zitierkartells zu enden.

Besonders zahlreich waren die Arbeitsgruppen zur Lebenswelt von Wissenschaftlern: Herkunft und Ausbildung, Karrieren, Arbeitsverhältnisse und Publikationen, wobei sich eine gelungene Sektion mit der oft unterschätzten Rolle der Verleger beschäftigte. Auch die eigentümlichen Wissenschaftsstrukturen der DDR wurden ausgiebig behandelt, wobei ausgerechnet unter der Regie eines als „streng“ bekannten Westordinarius in der Qualität höchst unterschiedliche Referate verlesen wurden: vom simplen, aber dafür „politisch korrekten“, weil antikommunistischen Seminarpapier bis zur präzisen, aus den Akten gearbeiteten Analyse von Stasi-Arbeit gegenüber Wissenschaftlern. Bei solchen Vorträgen beginnt man als Westhistoriker unwillkürlich davon zu träumen, daß in einer fernen Zukunft vielleicht einmal die Akten des Verfassungsschutzes zugänglich sein werden, um auch die Geschichte dieser Überwachung im Kalten Krieg schreiben zu können. Die Asymmetrie der Quellen für die Nachkriegsgeschichte verlängert jedenfalls derzeit die Fremdheit der beiden Staatshälften.