Von Eleonore Büning

Baronin: „Nun, und was habt ihr denn gegen das unschuldige Liedchen? Von wem ist es?“

Eduard: „Von Wilhelm Müller.“

Baronin: „Recht nett.“

(Aus W.M., „Literarische Abendunterhaltungen auf dem Lande“, 1826)

Bunt sind schon die Wälder da droben auf jenem Berge, und drüben hinterm Dorfe in einem kühlen Grunde am Brunnen vor dem Tore, da steht, ganz klar, der Lindenbaum. Was so anfängt, das kann nur als deutsches Volkslied enden.

Man erkennt das deutsche Volkslied auf den ersten Blick an dem einfachen Versfuß mit geradem Wechsel von Hebung und Senkung; zweitens am gleichförmig vierzeiligen Strophenbau mit Endreim und drittens daran, daß allerhand schöne Naturdinge, Blumen, Bäume, Wind und Wetter darin vorkommen sowie manchmal auch noch die Mädchen und der Wein. Ein viertes typisches Merkmal ist, daß es meist gar nicht aus dem Volke stammt und auch nicht aus uralten Zeiten, sondern zu Beginn des vorigen Jahrhunderts künstlich erfunden wurde. Die eingangs zitierten schönen Volkslieder beispielsweise wurden komponiert von Friedrich Glück, Johann Friedrich Reichhardt, Friedrich Silcher und Franz Schubert, die Dichter waren Goethe und Eichendorff, Johann Gaudenz von Salis-Seewis und Wilhelm Müller.