Von Hans Harald Bräutigam

Unter König Herodes hatten es die Bevölkerungswissenschaftler noch leicht: Der biblische König rief einen jeden an seinen Geburtsort zurück, auf daß er geschätzt werde. Und die Demographen jener Tage handelten einfach wie Notare, beurkundeten leidenschaftslos einen statistischen Befund.

Deutsche Bevölkerungswissenschaftler bewegen sich verglichen damit auf schwankendem Grund. Zur Nazizeit avancierte ihr Fach zur Königsdisziplin völkischer Politik – und seither wird hierzulande jedes Wort aus dieser Zunft gegen das Licht gehalten und auf braune Töne geprüft. Das mußte dieser Tage auch Charlotte Höhn erfahren. Zum 50. Geburtstag erhielt die Direktorin vom Wiesbadener Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BIB) von den Kollegen einen Blumenstrauß und von ihrem Arbeitgeber im Bonner Innenministerium die Suspendierung.

Im Mai dieses Jahres führten zwei junge Damen mit Charlotte Höhn ein zweistündiges Gespräch. Vorgestellt hatten sie sich als Historikerinnen, ihr Thema sei, wenige Monate vor der Kairoer Weltbevölkerungskonferenz, die Frage: „Gibt es eine Überbevölkerung?“. Mit listigen Fragen kitzelten die Besucherinnen aus der Professorin törichte Antworten heraus. Die erschienen in der Tageszeitung, pünktlich zur Konferenz, an der sie als Mitglied der deutschen Delegation teilnahm. Der Skandal war da.

Was hatte Charlotte Höhn wirklich gesagt? Beispielsweise gelte es als Tatsache, referierte die gelernte Volkswirtin damals ins Mikrophon, daß „Afrikaner weniger intelligent sind als andere“. Das sei leider statistisch nachweisbar. Im Gespräch mit der ZEIT erläuterte sie diese Aussage: Intelligenzbewertungen, so fraglich sie überhaupt seien, könnten nur bei homogenen Gruppen getroffen werden. Charlotte Höhn beklagte zudem gewisse Denkverbote, die besonders hier in Deutschland, aber – Stichwort political correctness – auch in den Vereinigten Staaten für ihre Disziplin gelten: „Nicht einmal das Wort Rasse darf man in den Mund nehmen“, beklagt sich Höhn. Kann es wünschenswert sein, wenn Erbkranke sich fortpflanzen? Auch diese Frage dürfe nicht mehr gestellt werden.

Befragt wurde sie im Mai dieses Jahres von ihren Besucherinnen schließlich auch danach, ob die heutige Bevölkerungswissenschaft in Forschung und Lehre tatsächlich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit dieses Fachs gebrochen habe. Für Charlotte Höhn stand das außer Zweifel. Nach dieser Antwort erinnerten die Besucherinnen sie an ein 1953 erschienenes Standardwerk „Bevölkerungslehre“ des verstorbenen Gerhard Mackenroth. Darin spricht Mackenroth, den die BIB-Direktorin als großen Lehrer verehrt, auch wenn sie ihr Wissen wie viele in dieser Zunft im Selbststudium erwarb, von einer Höher- und Niederwertigkeit von Menschen. Zugleich distanziert er sich aber von seinen Kollegen der NS-Zeit: Mackenroth sieht etwa nicht in erbbiologischer Vorsorge, wie sie auch die berüchtigte Rassenhygiene plante, sondern in der Schaffung einer sozialen Ordnung die Aufgabe des Staates bei der Lösung des „asozialen Problems“. Die Mackenrothschen Begriffe von Höher- und Niederwertigkeit könnten, so Höhn, heute und hierzulande nicht benutzt werden – auch ein Beispiel für die erwähnten Denkverbote.

Charlotte Höhn hatte das Interview, in der Niederschrift 25 Seiten lang, nicht autorisiert, denn am Ende kamen ihr die beiden Fragerinnen doch komisch vor. Vorverurteilt wurde die Direktorin allein aufgrund der taz-Veröffentlichung, wo von jenem Gespräch nur wenige Zeilen übrigblieben. Was da im Konjunktiv gesagt und was vielleicht überhaupt nicht gesagt, was mißverständlich oder unmißverständlich ganz anders gemeint war, das wird zwischen Dienstherrn und suspendierter Direktorin zu klären sein. Auch gerichtliche Schritte gegen die taz hat Charlotte Höhn unternommen. Doch egal, wie diese Suspendierung nun endet: Ihr Fall wirft plötzlich ein grelles Licht auf ein ganzes Fach, das noch immer mit seiner Vergangenheit kämpft.

Gegründet wurde das Bundesinstitut 1973, als die Deutschen nicht mehr genug Kinder bekamen, vom Pillenknick die Rede war und das Gespenst vom Raum ohne Volk umging. Vom damaligen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher mit der Gründung beauftragt wurde der Kieler Bevölkerungswissenschaftler (und Mackenroth-Schüler) Hans Wilhelm Jürgens, der sich 1961 als gelernter Agrarwissenschaftler mit einer Schrift über „Asozialität als biologisches und soziobiologisches Problem“ habilitiert hatte. Jürgens sollte, so die Vorgabe der Regierung, aus den vorliegenden Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden ein Modell entwickeln, wie deutsche Frauen wieder zum Kinderkriegen zu bewegen seien und wie möglichen Zuwanderungsbewegungen, etwa von Vertriebenen aus dem Osten, Einhalt geboten werden könne. Prompt machte damals das Wort von der „beamteten Berufsmutter“ Schlagzeilen, das Jürgens so gar nicht benutzt hatte. Für solchen Fauxpas ist der Kieler Professor zu geschickt und wendig. Der Anthropologe beschäftigt sich heute übrigens ausschließlich mit der Ergonomie: Er entwirft aufgrund seiner Körpermessungen Sitze für IC-Züge oder Daimler-Limousinen. Davon können er und sein interdisziplinäres Institut für Bevölkerungwissenschaft gut leben, eingesperrt allerdings hinter einer Sicherheitsschleuse: Der Wisssenschaftler erhielt Morddrohungen.

Ihre Staatsnähe bekam diese Wissenschaft niemals in den Griff; die Amerikaner waren da klüger, sie paßten die Demographen in private Einrichtungen ein, die population studies betreiben und ungeniert nach Weißen, Schwarzen und Hispanics die Rassen sortieren. Gewiß bietet die Nähe zu den Regierenden bei uns für manchen Forscher eine verführerische Chance, eigene Gedanken in die Tat umzusetzen. Verschont von Verdacht und Vorwurf bleiben allenfalls die trockenen Mortalitäts- oder Geburtenstatistiker. Wer sich hingegen wie Jürgens als Anthropologe versteht und erklärtermaßen mit Hilfe der Bevölkerungswissenschaft für die „Erhaltung der deutschen Art“ sorgen will oder wie Höhn über die wirtschaftlichen Folgen einer Über- oder Unterbevölkerung (der letzte Begriff berührt schon wieder ein Tabu) forscht, geht in Deutschland leicht ein Risiko ein.

Die Erblast der NS-Zeit wurde die Disziplin von Beginn der Bundesrepublik an nicht mehr los. Fatal wirkte sich beispielsweise die Rolle von Siegfried Koller vor und nach 1945 aus. Der Mediziner und Statistikprofessor war an den Euthanasieplanungen des „Dritten Reiches“ beteiligt. Gleichwohl wurde Koller nach dem Krieg Abteilungsleiter im Statistischen Bundesamt in Wiesbaden und danach ordentlicher Professor für Medizinstatistik in Mainz. Für seine Leistungen wurde dem heute 85jährigen Emeritus das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen.

Die SPD will, aufgeschreckt durch die taz, das Wiesbadener Bundesinstitut nach einem Wahlsieg am liebsten auflösen. Der SPD-Bundestagsabgeordnete sah in Charlotte Höhn gar eine Erbin Hitlers. Das geht denn doch zu weit. Zum einen ist noch immer nicht geklärt, wie jenes Interview unter falschem Vorwand wirklich verlief; und zum anderen beschreiben kundige Beobachter die BIB-Direktorin als nüchternen und unideologischen Kopf. Sie bezahlt jetzt für die Politiknähe ihres Faches. Nicht Herodes’, sondern Hitlers Schatten liegt noch immer über der Bevölkerungswissenschaft in Deutschland.