Von Claudia Steinberg

Dichter und Philosophen haben oft über den Tod geschrieben, ihn jedoch selten mit eigenen Augen gesehen. Ärzte und Krankenschwestern sehen ihn oft, schreiben aber selten darüber“, stellt der amerikanische Chirurg Sherwin B. Nuland fest. In den vergangenen dreißig Jahren hat der Medizinhistoriker und Professor an der Yale Medical School den Tod viele Male gesehen, zum Beispiel als jähen Exitus bei seinem allerersten Patienten, James McCarty.

Dem kräftigen Mann hatte der Herzinfarkt den Kopf nach hinten geworfen, sein Gesicht färbte sich purpurrot, ein wüster Schrei drang aus der Brust, auf die seine beiden Fäuste in einer letzten wilden Geste einschlugen, ehe er mit hervorquellenden Augen erstarrte. Es war das Jahr 1954, die äußere Herzmassage kannte man noch nicht. Also entschloß sich der im Schock ganz ruhige Medizinstudent zur Notoperation, um mit ein paar brachialischen Handgriffen McCartys flimmerndes Herz aus dem Brustkorb zu holen. Vergebens.

Mit seinem Buch „Wie wir sterben“ rührt Nuland an eines der zähesten Tabus: Vom Tod wollen wir nichts wissen, um nicht an ihn denken zu müssen. Nuland beschreibt, wie er kommt, und zwar sachlich und unsentimental, nicht brutal. Weder das schleichende Sterben noch der plötzliche Stillstand sind indes geeignet, den Leser mit dem Exitus anzufreunden. Die detaillierte Beschreibung der häufigsten Todesarten, an denen wir zugrunde gehen, läßt einen bei der Lektüre gelegentlich die Luft anhalten, als hätte man sich unvermittelt in den Finger geschnitten und einen gefürchteten Blick unter die Haut getan. Über das Material, aus dem wir beschaffen sind, lernen wir fast immer nur mit Angst und Schmerz und wissen dementsprechend wenig.

Kaum hatte das Buch in Amerika die vorderen Plätze der Bestsellerlisten erobert, wurde sein Autor bereits als der „Kinsey des Todes“ gefeiert, weil er wie der Sexualforscher der vierziger Jahre erklärt, was keiner weiß. Die unzähligen Briefe und Anrufe, in denen ihm Hinterbliebene ihre eigenen Begegnungen mit dem Tod anvertrauen, bestätigen die Dringlichkeit des Themas. Nulands Plädoyer für den Tod zu Hause, wo der Sterbende seinen letzten Frieden ungestört von zischenden Atemgeräten und piepsenden Monitoren finden darf, muß den meisten Sterblichen der westlichen Welt aus der Seele sprechen. Zumal es sich nicht aus Landarzt-Romantik speist, sondern von einem Vertreter der High-Tech-Medizin stammt, der mit seinen blitzenden Arsenalen gegen die Krankheit aufrüstet.

Ob Herzinfarkt, Krebs, Schlaganfall, Alzheimer oder Unfall: „Das Sterben ist meistens mühsam“, schreibt Nuland. Er stellt es in unpathetischen Worten und mit einer Nüchternheit dar, die man sich nur in vielen Niederlagen erwirbt. Vor allem aber begegnet er der Unvernunft seiner Patienten mit einer wohltuenden Toleranz: „Es ist nützlich, im Umgang mit Kranken auf Konzepte von Belohnung und Bestrafung zu verzichten. Krankheit ist keine Metapher für irgend etwas, sie ist ein biologischer Vorgang“, sagt er. Die emotionale Konstitution, die einen Alkoholiker zum Trinken bringt, nimmt er ebenso als Tatbestand wie ein verödetes Gehirn oder ein Karzinom. Nuland selbst raucht nicht, ist schlank und fährt nur mit Sicherheitsgurt. Er verströmt kompetente Selbstkontrolle, deren Mangel er jedoch bei Diabetikern und Rauchern rückhaltlos verzeiht.

Läßt sich die Angst vor dem Sterben lindern? Läßt es sich üben? Der Tod, den sich die meisten Menschen wünschen – schnell, überraschend, schmerzlos und natürlich spät –, kommt bei Nuland gar nicht vor. Er ist eine neuzeitliche Sehnsucht. Jahrhundertelang galt der heimliche Tod ohne Zeugen oder Zeremonien als ein Fluch. Seit den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts jedoch, angesichts des vermeintlichen Sieges über die Infektionskrankheiten, hat man den Tod erstmals soweit wie möglich aus der Öffentlichkeit evakuiert und in den Hospitälern versteckt. Man hat seine physische Realität aus dem Bewußtsein verdrängt, ihn an abgehärtete Spezialisten delegiert. Doch Nuland will den Ärzten und den Krankenhäusern den Tod wieder entwenden, so wie die Frauenbewegung in den letzten zwanzig Jahren die Geburt in das heimische Bett zurückzuverlegen versuchte.