• Das Internet hat ein paar besonders sagenumwobene Ecken – die „Muds“, Spielwelten, in denen Abenteurer aus aller Welt ein zweites Leben führen

Von Manfred Dworschak

An einem Tag im Januar dieses Jahres trat Gott im Münchner Unirechenzentrum an seinen Computer und drückte ein paar Tasten, bis er gefunden hatte, was er wollte. Dann gab er voll Kummers den Befehl del *.* ein – Lösche alle Dateien –, und das Reich Nemesis verschwand mitsamt seiner Einwohnerschaft. Gut 2000 Seelen, ob Weltenbummler, Hure, Berufsdieb oder Klosterfräulein, gingen unter, keine Spur war mehr von Palästen, Bibliotheken und Kathedralen, und von Stund an herrschte wieder Ruhe im Datenspeicher.

In den folgenden Tagen versuchten 2000 Spieler aus aller Welt, nach Nemesis zu gelangen, um ihr gewohntes Leben als Weltenbummler, Hure, Berufsdieb oder Klosterfräulein fortzuführen, allein es ging nicht. Ob sie auf Hokkaido vorm Computer saßen oder in Manchester, in Berkeley oder in Linz, die Antwort auf dem Bildschirm war dieselbe: Host unknown, Nemesis unbekannt.

„Wenn wir so was finden, mach ma’s zu, ganz klar“, sagt Dietmar Täube vom Münchner Rechenzentrum – die Kapazitäten seien nun einmal nicht für solche Spielereien vorgesehen: „Das ist Mißbrauch, das müssen wir unterbinden.“ Der Informatikstudent Ralf Gebhart, einer der Schöpfer von Nemesis, sieht das anders. Ehe er weisungsgemäß sein Reich löschte, kopierte er es auf Magnetband, und nun sucht er nach einem Ort, an dem es neu entstehen kann. Denn mag die Uni auch von Mißbrauch reden, die vielen Spieler haben ihn mit Wonne getrieben.

Nemesis, das war eine dieser Welten im weltumspannenden Computernetz Internet, in denen es sich richtig leben läßt. Man nennt sie englisch Muds (von Multi-User Dungeons, wörtlich also „Mehrbenutzer-Verliese“). Ihrem Namen gemäß erlauben sie es, daß Dutzende, wenn nicht Hunderte von Besuchern aus aller Welt zugleich in ihnen herumspazieren, Abenteuer erleben und miteinander plaudern.

Die Muds sind zwar Spielwelten, aber sie funktionieren ganz ohne Graphik und Ton, sie gründen vielmehr auf der Macht des Wortes, und man bereist sie, indem man fleißig liest und schreibt. Ein Mud ist ein Bühnenbild aus Texten; die imaginäre Welt besteht aus den Beschreibungen oft Tausender Räume, Plätze, Straßen, Landschaften, die man mittels einfacher Befehle durchstrolchen kann.