Kino: „Forrest Gump“, ein amerikanisches Nationalepos Das Leben ist eine Schachtel Pralinen
Als er schon zweieinhalb Jahre kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten gelaufen ist, von Alabama nach Westen ans kalifornische Meer, von dort zurück nach Osten bis an den Atlantik und wieder hinein in die amerikanische Prärie, als ihm die Haare unter der Baseballmütze schon sektenführerlang gewachsen sind und ihm eine mittlere Jüngerschar nachfolgt: da hört Forrest Gump plötzlich zu laufen auf. Vor dem Prospekt des Monument Valley teilt er die Massen seiner Anhänger wie Moses das Meer und will nicht mehr. Die Laufrevolution ist zu Ende, der Anführer geht nach Hause, sein Volk zerstreut sich. „Die Wahrheit überschattete die Welt, wurde fürchterlich und verblaßte dann“, schrieb Sherwood Anderson Anfang des Jahrhunderts in seinen Kleinstadtgeschichten „Winesburg, Ohio“. Es ist noch einmal gutgegangen mit Amerika. Forrest Gump kehrt nach Hause zurück, nach Greenbow, Alabama. Er hat es hinter sich: Amerika, auch sein Leben. Wenn er davonläuft, landet er doch wieder nur da, wo er herkommt. Amerika ist ein weiträumiges Gefängnis.
Bei seinem bescheidenen IQ von 75 hatte die Mutter Mühe, Forrest in die normale Volksschule zu bringen, aber in die Schule mußte er. Die anderen lachen über ihn, weil er Fußeisen trägt gegen eine Rückgratverkrümmung, aber sein steifer Gang lehrt einen durchreisenden Musiker namens Elvis Presley, wie man sich bewegt als King des Rock ’n’ Roll. Es wird nicht sein einziges Wunder bleiben. Denn Forrest ist nicht nur zum Leiden auserkoren, sondern auch gekommen, um seinem geliebten Volk das Heil zu bringen.
Als ihn die Mitschüler verspotten und verfolgen wegen seiner Dummheit, läuft ihnen Forrest auf Befehl seiner einzigen Freundin Jenny davon, er läuft und verliert seine Eisen dabei, er läuft und wird der schnellste Mensch, er läuft und läuft – und wenn er plötzlich abheben und fliegen würde, es müßte keinen groß wundern.
Einem solchen Trottel, so steht es schon bei Ludwig Anzengruber, „kann nix geschehen“, nicht einmal in Vietnam: „Das Gute an Vietnam war, daß man immer was zu tun hatte.“ Forrest Gump, der auf den Namen des Ku-Klux-Klan-Gründers getauft wurde, freundet sich mit dem dicklippiger Schwarzen Bubba Blue an, der ähnlich doof ist, aber! im Unterschied zu Forrest Gump ein Ziel hat im Leben: Shrimps möchte er fischen auf seinem eigenen Kutter. Ihr Vorgesetzter gibt ihnen gute Vorschläge wie „Paßt auf eure Füße auf!“ mit in den Dschungel. Dieser Leutnant Dan, Nachfahre großer amerikanischer Kriegshelden, hat ebenfalls ein Ziel im Leben, sein Schicksal zu erfüllen, das ihn zum gr. am Kriegshelden machen wird. Forrest stiehlt ihm dieses Schicksal, indem er ihm das Leben rettet. Bubba stirbt, und Leutnant Dan überlebt nur durch eine beidseitige Fußamputation. Forrest ist besser dran, er hat kein Schicksal und wird deshalb der große amerikanische Kriegsheld.
Nix kann ihm geschehen, deshalb zieht auch die große schwarze Wolke an ihm vorüber. Seine Mutter hat ihm immer gesagt: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man kriegt.“ Forrest Gump wird Kriegsheld und in seiner seltenen Blödheit auch noch Hauptredner auf einer Friedensdemonstration, er wird Ping-Pong-Weltmeister und leitet praktisch allein die Entspannung mit China ein. Er hat einfach Glück, das Glück der Dummen. Der Kutter, den er im Andenken Bubbas kauft, um Shrimps zu fischen, pfeift aus allen Löchern, der Kapitän fängt nichts. Erst als er den um sein Schicksal betrogenen Leutnant Dan mit an Bord nimmt und ihn in einer Sturmnacht Gott verfluchen läßt, füllen sich die Netze, werden sie reich: wieder ein Wunder von Forrest Gump. Wenn er jetzt noch über die aufgepeitschten Wogen wandelte, niemanden würde es groß erstaunen.
Die gut 35 Jahre Zeitgeschichte, die der Film „Forrest Gump“ abspult, sind so gewalttätig und wahnsinnig, daß sie jeden normalen Menschen überforderten: Rassenunruhen und Vietnam, Kubakrise und Kennedy-Ermordung, Mondlandung und die Reagan-Revolution. Forrest Gump merkt davon nichts. Spazierstocksteif und abwesend sitzt er da in seinem großkarierten Hemd. Ungerührt kann er sich neben den Fernseher stellen, während drin auf die Kennedys, auf Gerald Ford und Ronald Reagan geschossen wird. Er läßt sich (dank der neuesten Tricks der Fa. Industrial Light and Magic) von Kennedy die Hand schütteln und zeigt Johnson seine Narbe am Hintern; er inspiriert in einer Talk-Show John Lennon zu „Imagine“ (sein einziges historisches Versagen) und entdeckt dann auch noch die Einbrecher im Watergate-Hotel.
Schon einmal, in „Zurück in die Zukunft“, hat Robert Zemeckis die Nachkriegsgeschichte der USA als großes historisches Epos aufgezogen (damals erfand Michael J. Fox für Chuck Berry den Rock ’n’ Roll); „Forrest Gump“ ist die erwachsene Fortsetzung davon, die Geschichte der Clinton-Generation. Auch Clinton durfte zu Kennedy, auch Clinton demonstrierte (wenn auch in England) gegen den Vietnamkrieg, und wenn’s sein muß, gibt sich Clinton auch den Anschein des Biederbruders aus den Südstaaten.
- Datum 14.10.1994 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.10.1994 Nr. 42
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