Ein merkwürdiger Zufall ist es, daß der erste deutsche Wirtschaftsnobelpreis ausgerechnet nach Bonn ging: Dort lehrte von 1925 bis 1932 der Österreicher Joseph A. Schumpeter, dessen Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung heute eine Renaissance erlebt. Anfang der vierziger Jahre hatte Heinrich von Stackelberg in Bonn einen Lehrstuhl. Stackelberg wurde zwar als SS-Mitglied und anfänglich strammer Nazi von der internationalen Fachwelt geächtet, seine Oligopoltheorie behielt ihren Einfluß.

Ganz wie Stackelberg haben die Spieltheoretiker den Glauben an das Modell der „vollständigen Konkurrenz“ verloren, in dem kein Unternehmer die Macht hat, Preise oder gar das Verhalten der Konkurrenten zu beeinflussen. Die wirklichen Unternehmer sind Oligopolisten, die sich Preiskämpfe liefern, Absprachen versuchen oder auf andere Weise den Markt beeinflussen. Systematische Methoden zur Beschreibung solcher Strategien wurden entwickelt, nachdem die amerikanischen Mathematiker John von Neumann und Oskar Morgenstern 1944 mit einem bahnbrechenden Aufsatz die Spieltheorie in die Wirtschaftswissenschaft einführten. Sie betrachteten die Ökonomie als Gesellschaftsspiel: Unternehmer verhalten sich wie Pokerspieler, und die Wissenschaftler müssen herausfinden, welche Strategie in welcher Situation zu welchen Ergebnissen führt.

Die entscheidende Frage lautete dabei immer: Ist ein Gleichgewicht möglich, das von keinem der Mitspieler in Frage gestellt wird? Einen Namen bei der Beantwortung machte sich 1950 der damals junge Ökonom John Nash. In seiner Dissertation über „Nicht-kooperative Spiele“ entwickelte er eine plausible Lösung, das später so genannte Nash-Gleichgewicht. Es ist eine Lösung, in der die Erwartungen aller Mitspieler erfüllt werden, obwohl sie nicht optimal ist. Das Problem läßt sich an einem nichtökonomischen Beispiel klarmachen, dem berühmten „Gefangenen-Dilemma“: Zwei Verbrecher werden getrennt verhört, und zwar unter folgenden Bedingungen: Gestehen beide, erwartet jeden zwei Jahre Haft, gesteht einer und der andere nicht, bekommt der Geständige eine niedrigere und der Nichtgeständige eine höhere Strafe. Streiten beide hartnäckig ab, kommen sie beide besser weg. Solange unklar ist, welche Strategie der Opponent wählt, ist es rational zu gestehen, ein Nash-Gleichgewicht, das beide schlechter stellt als notwendig. Es wäre für beide also lohnend zu kooperieren. Die Situation der beiden Gefangenen läßt sich unschwer auf Bauunternehmer übertragen, die um einen öffentlichen Auftrag konkurrieren.

Die Spieltheorie zeigt auf diese Weise, daß, ganz im Gegensatz zur Modellwelt der neoklassischen Ökonomie, etwas für den einzelnen rational sein kann, ohne daß es für die Gesamtheit der Marktteilnehmer optimal ist. Es gibt keine eindeutigen Lösungen mehr, ja, es sind sogar mehrere Nash-Gleichgewichte möglich.

Reinhard Selten und John Harsanyi versuchten in ihren Forschungen, unter anderem mittels Ent-

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