WALSRODE. – Ein Schatten hat sich über die Heide gelegt. Der Sänger, der den kargen Landstrich zwischen Hamburg, Bremen und Hannover berühmt gemacht hat, ist ins Zwielicht geraten. Was war los mit Hermann Löns?

Eine neue Biographie sorgt in der „Hermann-Löns-Stadt“ Walsrode für mächtig Wirbel. Das Werk entlarvt den Poeten im grünen Loden, der einst von den Nazis als Blut-und-Boden-Dichter geehrt und neuerdings zum Ahnherren der Öko-Bewegung erkoren wurde, als durch und durch zerrissene Persönlichkeit – als Trivialautor, der auf die Widersprüche der Jahrhundertwende mit der Flucht in die Idylle reagiert; als menschenverachtenden Nationalisten; als Dandy und Säufer; als Psychopathen schließlich, der versucht, Frau und Kinder umzubringen. Kurz: Ein Mythos wird entzaubert.

Nun ist die Erkenntnis, daß Löns weder ein Unschuldslamm noch ein genialer Autor war, nicht neu. So geballt wie der Literaturwissenschaftler Thomas Dupke aber hatte zuvor noch niemand die Schattenseiten des Heidesängers in einem Buch verdichtet.

Prompt braute sich über der Heide ein Sturm der Empörung zusammen. Von „unseriösen Umdeutungen“, linken „Machenschaften“ war in Leserbriefen die Rede. Zu allem Überfluß wollte der Autor der umstrittenen Schrift auch noch im Heidemuseum der Hermann-Löns-Stadt aus seinem Werk lesen – und zwar drei Tage vor dem achtzigsten Todestag des „Mümmelmann“- und „Werwolf“-Erfinders. Ausgerechnet. Feierlich sollte der Todestag am 26. September im Tietlinger Wacholderhain bei Fallingbostel begangen werden.

Die Löns-Freunde waren alarmiert. „Laßt das Trojanische Pferd draußen“, mahnte ein Leserbriefschreiber in der Walsroder Zeitung. „Die Stadt Walsrode scheint noch nicht begriffen zu haben, was hier passiert. Sie öffnet linken Löns-Gegnern das Heidemuseum, und der Walsroder Männerchor singt im Wacholderpark dazu.“ Dies sei der Blauäugigkeit zuviel. Denn: „Nicht nur die Löns-Stadt Walsrode, sondern die ganze Region lebt – geistig und wirtschaftlich – von Hermann Löns.“

Die wütenden Proteste der Löns-Anhänger blieben nicht unerhört. Die Lesung wurde abgesagt. Der Buchhändler, der sich auf das frevlerische Werk eingelassen hatte, bangte um seine Kundschaft. „Vor allem viele Ältere sind zu mir gekommen und haben sich darüber beklagt, daß mit meiner Hilfe ein Mensch in den Dreck gezogen wird.“

Nach dieser Absage erklärte sich ein anderer Walsroder Buchhändler bereit, in die Bresche zu springen. Doch er fand keinen Raum. Das Heidemuseum war plötzlich anderweitig belegt. Die Mitglieder der „Hermann-Löns-Kreise in Deutschland und Österreich“ wollten sich just an diesem Abend hier versammeln, um sich auf den anstehenden Todestag einzustimmen. Der Autor der „Schmähschrift“ war bei diesem gemütlichen Beisammensein nicht erwünscht.