Von Ludger Heidbrink

Es ist immer wieder ein eigentümliches Erlebnis zu sehen, mit welcher großen Geste gegenwärtig der Abschied von den gescheiterten Großprojekten der Vergangenheit zelebriert wird. Auch der voluminöse „Essay“ des Mannheimer Historikers Rolf Peter Sieferle, bekannt als Autor kritischer Technik- und Wissenschaftsstudien, gehört zu diesen paradoxen Entwürfen, die noch in der Abkehr von den alten Illusionen deren Bann erliegen. Denn sein Buch ist nicht nur eine vehemente Abrechnung mit sämtlichen universalistischen Träumen seit der Französischen Revolution, sondern auch der halsbrecherische Sprung ins jahrhundertelang bekämpfte Lager des Partikularismus, in das heute mal reumütig, mal resigniert die alten Kämpfer der Aufklärung in Scharen überlaufen.

Die Ursachen für diesen Frontenwechsel sind zugleich das Thema der Untersuchung. Mit beeindruckender Sachkompetenz und stilistischer Prägnanz zeichnet Sieferle die Entstehung und den Niedergang des Liberalismus, Sozialismus und Nationalismus nach, die Kontaminierungen von linker und rechter Revolution zwischen den Weltkriegen, den Kalten Krieg und den Zerfall der Sowjetunion bis zur „Zeitenwende“ von 1989, um sein Augenmerk auf die besondere Situation Deutschlands zu richten, das sich nach der Wiedervereinigung in einer weltpolitisch bedeutungslosen, wirtschaftlich dominanten und kulturell entwurzelten Insellage zwischen den Territorialmächten wiederfindet.

Hieran ist nach Sieferle nicht zuletzt die Kulturrevolution von 1968 Schuld, die zu einem „dionysischen Individualismus“ und gesinnungsethischen „Humanitarismus“ geführt habe, in deren Folge eine exzessive Moralisierung des Politischen entstanden sei, die auch noch die letzten Reste funktionierender Staatlichkeit zersetzt habe.

Ganz in der Tradition Carl Schmitts verfolgt Sieferle die Konflikte zwischen Ordnung und Anarchie durch die ideologischen und kulturkritischen Grabenkämpfe der Moderne, die auch nach dem Ende des Politischen in der „Revolte des Lebens“ gegen die Diktatur der Vernunft anhalten. Die Rückkehr des Behemoth in Form eines zügellosen Hedonismus und neuen Barbarentums läßt sich, so Sieferle, freilich weder mit der erneuten Herrschaft des Leviathan noch im Rückgriff auf die liberalen Freiheitsideale der Aufklärungstradition bewältigen. Mit dem Zusammenbruch der Nationalstaaten und der Globalisierung ökonomischer, technischer und ökologischer Prozesse müsse vielmehr vom „Projekt der Moderne“ überhaupt Abschied genommen werden: Die Internationalisierung der Arbeitsmärkte, die Migrationsbewegungen und weltweiten systemischen Vernetzungen hätten eine ungeahnte Zahl von neuen Krisen hervorgerufen, die sich nicht mehr im Namen eines „humanitären Universalismus“, sondern nur noch auf partikularistischem Weg lösen ließen.

Indem Sieferle in detaillierten Auseinandersetzungen mit den immanenten Widersprüchen des modernen Sozialstaats, den Schwierigkeiten einer aktiven Technik- und Umweltpolitik sowie der Einwanderungs- und Asylfrage die „Grenzen des Universalismus“ freilegt, werden jedoch auch die Gefahren einer rein relativistischen Wende offenbar: So ermöglicht zwar der Rückzug auf die Kategorie der „Nähe“ eine Mobilisierung solidarischer Ressourcen, er führt freilich auch zu einer Ausgrenzung des „Fremden“ aus der eigenen Gemeinschaftlichkeit, zur Stärkung nationalistischer Positionen und zur Rückkehr bürgerkriegsähnlicher Zustände, die am Beginn eines neuen anarchistischen Zeitalters stehen.

Die Leistung der Studie besteht darin, die Paradoxien der nachliberalen Ära gelassenen Auges erkannt zu haben – den geradezu tragischen Charakter einer neuen Epoche, die sich im Nirwana zwischen den politischen Utopien der Vergangenheit und den pragmatischen Anforderungen der Zukunft befindet.

Ihr mindestens ebenso großer Mangel ist jedoch der, daß sie all das mit einem Bannspruch belegt, was früher einmal zur „linken“ Aufklärungstradition gehörte, um nun unzählige Klischees einer „rechten“ Aufklärungskritik zu präsentieren, anstatt nach möglichen Vermittlungen zu suchen und praktikable Vorschläge für die politische Gestaltung des „Epochenwechsels“ zu präsentieren. In dieser Vermittlungsunwilligkeit liegt schließlich der Grund, daß auch noch Sieferles fulminante Verabschiedung des Universalismus dessen illusionären Dimensionen verhaftet bleibt.

  • Rolf Peter Sieferle:

Epochenwechsel

Die Deutschen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert; Propyläen Verlag, Berlin 1994; 365 S., 58,– DM