Von Andreas Isenschmid

Es gibt Bücher, vor denen sitzt man wie das Konzertpublikum in der ersten Reihe, es herrscht ästhetischer Frontalunterricht: Jeder Ton, jedes Instrument, jede Stimme sind präsent, klar und voll.

Dieses Buch ist anders. Es wird uns erzählt, als säßen wir an einem Nachsommerabend noch einmal im Garten und ließen mit einem Mal all unsere gegenwartsverbohrten Gespräche beglückt ruhen, um einem Hauskonzert zu lauschen, das aus dem übernächsten Garten durch Grün zu uns herüberweht. Es scheint eine zarte, schwebende Komposition zu sein, etwa aus der Mörike-Zeit, mit wenigen, nur fein abgesetzten, einander nahverwandten Stimmen, wohl auf alten Instrumenten gespielt, die Stimmung elegisch, unruhig bisweilen, traurigfroh.

Es ist neue Prosa von Hermann Lenz. Neue Prosa? Ist es nicht einfach die neunte Folge der sanft romancierten Autobiographie, an der Lenz seit 1966 schreibt? Ist es auch. Es ist ein weiterer Waldspaziergang, eine weitere der Träumereien des einsamen Wanderers Eugen Rapp alias Hermann Lenz (und was wäre überhaupt die Literatur ohne ihre einsamen Spaziergänger von Rousseau über Robert Walser bis Naipaul und Lenz?). Und es ist auch alles wieder da, was die Lenz-Leser an dieser so privaten Geschichte Deutschlands in diesem Jahrhundert am meisten schätzen: die Prosa-Aquarelle des Naturschönen, Rapps Meditationen zu einer Lebenskunst des gelassenen Abseitsgehens und die indirekten Spiegelungen des Zeitgeists (in Lenzens Romanfolge findet sich mehr zur deutschen Zeitgeschichte als in manchen Walsers und Wallraffs).

Und doch ist etwas anders und neu an dieser neualten Lenzschen Erzählung. In seinem einundachtzigsten Lebensjahr hat Lenz sich die Freiheit genommen, seinen romancierten Lebensroman ein Stück fiktiver anzulegen. Neben sich als Eugen Rapp hat er „Zwei Frauen“ gestellt, beide um die Sechzig, und die geben der Erzählung ganz zu Recht ihren Titel, denn gute Teile der Geschichte sind aus ihrer Sicht erfunden und erzählt. Und auch sein eigenes Leben erzählt Lenz nicht mehr wie bisher am Faden der Jahre fort, vielmehr läßt er auf einer Wanderung in eher vage definierter Zeit seine Gedanken rück- und vorausblickend um diese beiden Frauen kreisen.

Um Gertrud zunächst, die Kontrastfigur zu Eugen. Er ist Stille, sie war Lärm („Lärm ist Leben“, dachte sie einst), er ist Ruhe und Gehenlassen, sie war Betrieb und Getriebensein, er hält sich heraus und will alles in der Schwebe lassen, sie wollte es wissen und stürzte sich hinein. Sie waren verschieden und zogen sich also an. Aber weil nur sie Seitensprung war, er aber Treue, wurde nichts aus dem offenherzigen Angebot, das sie ihm einst gemacht hatte. Und inzwischen ist ohnehin alles anders. Gertrud ist Witwe und hat sich, unter Wahrung eines tapferen Äußeren, aus dem Leben in die Trauer zurückgezogen. Sie hat „kein Zuhause mehr“, ihre Autofahrten drohen zum unbewußten Suizid zu werden, unvermittelt überfallen sie Visionen ihres Mannes, dem sie, nach seinem Tod, nun trauernd treu geworden ist, und ebenso unvermittelt kommen ihr dann die Tränen. Sie, die immer Chaos wollte, sehnt sich nun nach der Ruhe, zu der der Einzelgänger Rapp hindurchgefunden hat – und flieht am Ende doch noch einmal in den Gegensatz, zu den „Antipoden“, nach Neuseeland, wo ihr etwas sehr geliebter Sohn, ein zwielichtiger schwuler und diese Geschichte eher unnütz belastender Gelegenheitsdrogendealer, sich eine Villa erstanden hat.

Neben das Portrait einer Witwe hat Lenz, der das Wort „Single“ natürlich nur zu Mokierzwecken verwendet, das Portrait einer älteren Alleinstehenden gesetzt, das der Lehrerin Elsbeth, einer Schulfreundin Gertruds. Wenn Gertrud zu wenig Ruhe hat, hat Elsbeth zuviel. Sie träumt von einem zweisameren Leben als dem zurückgezogenen, das sie sich in ihrer alten Wohnung eingerichtet hat, in der sie alles an die Kindheit und noch ältere Zeiten erinnert. Und sie ist versucht, es sich an der Seite Eugens zu denken. Ihm fühlt sie sich so nahe, daß sie zuletzt, nach ausgreifenden Phantasien und Rendezvous, die keine sind, zur Einsieht kommt, es sei besser, ihm fernzubleiben und die Ruhe, die sie nach einer Liebesenttäuschung aufs Alter gefunden hat, nicht preiszugeben. Und Rapp? Ist Einzelgänger, denkt dies und jenes, ist aber ohnehin gebunden, an seine Treutlein Hanni, die gut versteckte Hauptfigur im Leben Eugen Rapps.