Von Mei-Huey Chen

Wenn man sich als Ausländerin in Deutschland nicht aus Angst vor Rechtsradikalen unter Hausarrest setzen lassen will, muß man sich ordentlich bewaffnen. Ich zum Beispiel bin oft mit meiner Zahnbürste unterwegs.

Zusammenkünfte mit Landsleuten sind mein Kraut gegen Heimweh nach Taiwan. Kürzlich brauchte ich es wieder dringend. Shauzu und ihr Mann, Physikdoktorand an der Berliner TU, hatten zur Einweihung ihrer neuen Wohnung nach Steglitz eingeladen – für mich das andere Ende von Berlin. Es wurde herrlich. Wir saßen stundenlang beieinander, aßen chinesische Köstlichkeiten, tranken, diskutierten und schnatterten nach Herzenslust in unserer Muttersprache. Gegen Mitternacht ließ sich die Frage, wie wir heimkommen sollten, nicht länger verdrängen. Es handelte sich schließlich um körperlich nicht gerade imponierende Asiaten ohne Kung-Fu-Kenntnisse.

Das Soziologen-Pärchen vertraute der U-Bahn. Anders als bei der S-Bahn, lassen sich die U-Bahn-Türen während der Fahrt nicht öffnen. Das ist günstig. So können die Skins Fahrgäste nur an Haltestellen rausschmeißen.

Shauzu und ihr Mann boten an, Schlafecken einzurichten. Sie sind daran schon gewöhnt. Der Mediziner der Runde schloß sich den U-Bahn-Fahrern an, wegen schlechter Schlafgewohnheiten. Ich zückte meine Zahnbürste: Ich bleibe! – Anderthalb Stunden Berliner Nachtverkehrsmittel, das war mir zu vielversprechend.

Ein junges Theologen-Paar leistete mir Gesellschaft. Früher seien sie oft nachts romantisch am Nikolassee spazierengegangen, was umweltgeschädigten Taiwanesen so ziemlich als höchster Luxus gilt. Freunde, denen sie empfahlen, es ihnen gleich zu tun, schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Jetzt hat auch dieses Paar sich umgestellt auf Abende mit Zahnbürste.

Gute Nacht!