Von Dieter E. Zimmer

Was tut man, wenn ein Unternehmen vor allem seiner schieren Größe wegen nicht mehr in die Landschaft paßt? Man prüft, wo es vernünftige und notwendige Arbeit leistet, und sorgt dafür, daß sie weiterhin geleistet werden kann, wenn auch nun in kleineren Einheiten – und dies keineswegs etwa nur aus Rücksicht auf die Beschäftigten, denen damit der Sturz in die Arbeitslosigkeit erspart wird, sondern vor allem, weil eine Gesellschaft schlecht beraten wäre, sinnvollen Sachverstand brachzulegen.

Als der monströse Forschungsverband der DDR, die Akademie der Wissenschaften (AdW), am 1. Januar 1992 erlosch, war im Prinzip genau das geschehen: Jedes ihrer Institute war von Expertenkommissionen des Wissenschaftsrates „evaluiert“ worden. Die Bewertung mündete in konkrete Vorschläge, in welcher institutionellen Form positiv evaluierte Forschungen unter den neuen Bedingungen fortgeführt werden sollten. Fast alle diese Vorschläge wurden auch umgesetzt.

Soviel Pragmatismus galt indessen nur für die Naturwissenschaften, nicht aber auch für die geisteswissenschaftlichen Institute der AdW – sicher, weil sie in viel stärkerem Maß unter Ideologieverdacht standen. Hier lautete die Devise: Auf jeden Fall erst einmal auflösen – und dann mal sehen. Das heißt, sie kamen nicht in den Genuß jener pragmatischen Tatenfreude, die von der Vereinigung der beiden deutschen Staaten stimuliert worden war. Bei ihnen wurde erst einmal problematisiert. Die Problematisierung ist die Kunst, eine praktische Frage ins immer Prinzipiellere zu wenden. Je prinzipieller sie dabei gerät, um so unlösbarer wird sie. Tatsächlich war die Geschichte der Überbleibsel der geisteswissenschaftlichen AdW-Institute eine einzige Zitterpartie, und sie ist es noch heute.

Die Vereinigung hat die Industrieforschung nahezu zum Verschwinden gebracht und an den Hochschulen den Mittelbau dezimiert; daß sie in Forschung und Lehre insgesamt mißraten wäre, kann man, trotz vieler persönlicher Härten, jedoch nicht behaupten. Nur zwei Projekte kränkeln noch vor sich hin: das Wissenschaftler-Integrationsprogramm (WIP), das einer größeren Zahl von AdW-Forschern den Weg an die Universitäten bahnen sollte – und eben jene Überreste der geisteswissenschaftlichen AdW-Forschung.

Im Frühjahr 1991 ortete der Wissenschaftsrat auch bei den Geisteswissenschaften der AdW „erhaltenswürdige Projekte und Arbeitsbereiche“. Am 13. Juni 1991 verabschiedete er seine diesbezüglichen Empfehlungen, und pünktlich zum 1. Januar 1992 wurden sieben Provisorien gegründet, sogenannte Geisteswissenschaftliche Forschungsschwerpunkte (FSP): für Zeithistorie, Wissenschaftsgeschichte, Europäische Aufklärung, Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft, den Modernen Orient und die Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas. In ihnen sollten etwa 100 der einst 817 Geisteswissenschaftler der AdW ein vorläufiges Unterkommen finden; tatsächlich waren es dann nur 69.

Administriert wurden und werden diese sieben Provisorien von der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), die dafür eigens eine Tochtergesellschaft ins Leben rief, die Förderungsgesellschaft Wissenschaftliche Neuvorhaben mbH. Seinerzeit hatte der Wissenschaftsrat gehofft, daß die MPG sich dauerhaft mit diesen sieben Instituten anfreunden würde. Das tat sie nicht. Nicht nur, daß sie sich in der ersten Zeit nach der Wende bei ihrem Engagement in Ostdeutschland überhaupt stark zurückhielt. Die FSPs liefen auch ihrem Grundprinzip zuwider: sich keinesfalls irgendeinen Forschungsbereich oktroyieren zu lassen, auch nicht durch die Notwendigkeiten und Dilemmata einer einmaligen historischen Situation. Sie besteht darauf, ihre Forschungsthemen allein zu bestimmen. Für jedes sucht sie sich einen Wissenschaftler ihres Vertrauens, und dem läßt sie weitgehend freie Hand bei der Auswahl seiner Mitarbeiter. Hier dagegen hätte sie alles mehr oder weniger fertig übernehmen müssen, Thema, Direktor und Personal – ein Prinzipienverstoß, zu dem sie sich nicht bereit fand. Von Anfang an waren die sieben FSPs also auf der Suche nach einem endgültigen „Träger“. „Wer soll der Träger sein?“ aber heißt auf neudeutsch vor allem: Wer soll nun auch das noch bezahlen?