Die Welt der psychiatrischen Anstalten: im Jugendbuch bisher ein grauer Fleck. Das Wissen darüber beschränkt sich - sofern man nicht persönlich betroffen ist - auf das Innenleben der Station, in der Rebell McMurphy alias Jack Nicholson einstmals über das "Kuckucksnest" flog.

1976 kam der Lehrer Ron Jones - bekannt geworden als Protagonist in Morton Rhues dokumentarischem Roman "Die Welle" - mit ebendiesem Vorwissen in die Jugendstation einer psychiatrischen Klinik in San Francisco, um ein Sommerschulprojekt mit fünf Patienten und fünf "normalen" Jugendlichen aus der Stadt zu betreuen. Anfang der achtziger Jahre verbreitete Jones seine Psychiatrieerfahmngen xerokopiert im Selbstverlag. Achtzehn Jahre nach den Ereignissen in San Francisco erscheint nun erstmals Ron Jones Bericht in Buchform. Nicht in den USA, sondern - in Übersetzung von Hans Georg Noack - in Deutschland.

Natürlich ist die Frage unumgänglich: Ist 1976 auch 1994 aktuell? Sicher hat sich die "wirkliche Welt" der Psychiatrie verändert (von alternativen Projekten soll hier nicht die Rede sein). Aber die, gesellschaftliche Ächtung "auffälligen Verhaltens" ist geblieben. Und nach wie vor beherrscht der Entzug von Persönlichkeitsrechten den Alltag in den Kliniken. Ein mit Medikamenten ruhiggestellter Patient ist allemal pflegeleichter als einer, der lauthals Aufmerksamkeit fordert.

In diese Atmosphäre dringt Ron Jones eines Tages ein, als er ein häßliches altes Anstaltsgebäude betritt, von dessen sechs Stockwerken nur noch zwei genützt werden. Der Rest ist vollgestopft mit Gerumpel und Klinikmüll. Den ersten Eindruck voni herrschenden Klima erhält er durch eine nur scheinbar nebensächliche Installation: Das Drahtnetz, das Selbstmörder auffangen soll, hängt nur drei Meter über dem Boden des Treppenschachtes. In der verwahrlosten obersten Etage wurden eben die Spuren einer Tragödie - ein Patient stürzte sich aus dem Fenster - notdürftig beseitigt. Dort oben geschieht in den nächsten Wochen ein kleines Wunder: Nach anfänglichen Berührungsängsten basteln sich die Jugendlichen im Flur der verwaisten Station ihre Schule, die am Ende aussieht wie die Kommandokapsel eines Raumschiffs mit Ziel Utopia. Bunt und schrill und ganz anders als die klinisch reine Stationswelt zwei Stock tiefer. Es entsteht ein Ort der Geborgenheit, wie ihn die Sechzehnjährigen nirgendwo anders finden. Vom Klinikpersonal wird das Experiment von Mißtrauen und Ignoranz, aber auch mit verhaltenem Wohlwollen begleitet.

Die jungen Leute begmriensich so zu akzeptieren, wie sie sind - und nicht, wie sie in der Welt erscheinen müssen, um als Individuen halbwegs zu überleben. Langsam, ganz langsam, finden sie Vertrauen und Mut zum Anderssein. Den "Beginn einer zerbrechlichen Verbindung" nennt Ron Jones diesen Zustand, denn die Wirklichkeiten der Klinik und die Lebensgeschichten der Betroffenen lassen sich, in der kurzen Zeit, die der Gruppe bleibt, kaum verändern. Wie zerbrechlich die Beziehungen zwischen den Patienten und den Jugendlichen aus der Stadt sind, soll hier nicht verraten werden. Nur soviel: Es gibt dramatische Rückschläge, aber auch eine leise Hoffnung, wie es sein könnte, wenn .

Dem detailliert und leidenschaftlich geschriebenen Bericht Ron Jones müßten erregte Diskussionen über die Verfassung kinder- und jugendpsychiatrischer Einrichtungen folgen. Zu vermuten ist allerdings, daß die Mauern noch immer so undurchdringlich sind wie zu Kuckuckszeiten. Auch im Jugendbuch. Siggi Seuß Aus dem Amerikanischen von Hans Georg Noack; Otto Maier Verlag, Ravensburg 1994; 188 S , 22 - DM