Vor einem halben Jahr erlebte Viktor L. eine Katharsis. Er gab ein paar Tropfen Blut ab, und in ihnen stand geschrieben, ob er zur Gesellschaft der Gelungenen, Glücklichen gehören würde oder zu denen, die auf der Verliererliste stehen.

Über vierzig Jahre hatte Viktor L. mit der Ungewißheit gelebt, ob die unheilbare Krankheit, die seine Familie im Blut hat, auch in seinem Körper wartet oder nicht. Chorea Huntington nennt man sie heute. Als die Nazis Viktor L.s Großvater 1943 aus der Psychiatrie abholten und als lebensunwert ermordeten, hatte das Leiden noch einen deutschen Namen: Veitstanz. Eine Nervenerkrankung, die mit motorischen Störungen beginnt und mit totalem Kontrollverlust endet.

Der Veitstanz wird durch einen genetischen Defekt ausgelöst, und dieser wird in die nächste Generation weitergegeben. Wessen Vater oder Mutter das veränderte Gen trägt, hat es mit fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit geerbt. Wer es geerbt hat, muß dem Ausbruch der Krankheit irgendwann zwischen dem dreißigsten und dem fünfzigsten Lebensjahr entgegensehen – hundertprozentig.

Von den sechs Kindern, die Viktor L.s Großvater gezeugt hatte, erkrankten fünf. Der einzige, der das Gen nicht geerbt hatte, verfiel dem Alkohol. Drei starben am Veitstanz, einer erschoß sich, Viktor L.s Vater wurde abgeholt. Die Mutter hatte ihren Mann schon vor der Einlieferung in die geschlossene Anstalt verlassen, den Sohn hatte sie mitgenommen. Die Krankheit hatte den Vater so verändert, daß sie ihn nicht mehr ertrug. Da war Viktor L. sechs. Sieben Jahre später warnte ein Nervenarzt, der ihn untersuchte: „Du darfst niemals Kinder kriegen!“ Seither weiß Viktor L., was Determination ist: „Eine namenlose Angst blockiert dein Leben.“

Erst seit 1983 kann das Huntington-Gen im Gentest nachgewiesen werden. Heilung gibt es nicht – nur Gewißheit. Viktor L.s Cousin ist inzwischen an der Krankheit gestorben. Viktor L. selbst lebte bis zum Test, als sei ihm das Leben nur geliehen, nicht geschenkt. Er hat keine Frau, keine Kinder. Er fürchtete die Liebe. Ihn quält die unterschwellig nagende Angst, sich irgendwann in eine Zumutung zu verwandeln.

Doch die Ahnung der Katastrophe machte Viktor L.s Leben auch reich. Er betrachtet es als Privileg, einen Blick dafür bekommen zu haben, was wertvoll ist und „wie kostbar, wie bedroht das Leben ist“. Der Auseinandersetzung mit der Drohung verdankt er, sich mehr als andere Rechenschaft über sein Tun abgelegt zu haben. Ihr verdankt er „meine große Neigung zu allem Gebrochenen, Verwundeten und meine große Lebenslust“. Nie hat er daran gedacht, sich das Leben zu nehmen. Nicht einen Tag hätte er seine Einmaligkeit, wenn sie auch verdüstert war, gegen das Leben eines anderen eintauschen wollen.

Trotzdem ist Viktor L. dem Doktor um den Hals gefallen, als der ihm zwei Wochen nach der Blutabnahme versicherte, daß er vom Gen verschont geblieben sei. Danach rief er seine Mutter an, um ihr von der Lebensdraufgabe zu erzählen. Jahrzehnte voll Gesundheit und Zuversicht. Ein Geschenk der Genetik.