Im Wein liegt Wahrheit - doch diese ist nur mit äußerster Hingabe zu ergründen.

Eine der Wahrheiten, nach denen Philosophen seit alters suchen, ist diejenige über die Sprache der Empfindung: Wieso können Menschen über Sinneseindrücke kommunizieren? Wir kennen die Wellenlängen der Farbe Rot, auch ihre psychische Wirkung, aber niemand weiß, ob db Farbe Rot in allen menschlichen Gehirnen auf die gleiche Weise repräsentiert wird. Peters Rot ist vielleicht nicht Pauls Rot. Wieso können sie dennoch über Rotes reden? Können wir auch objektiv über Rotwein reden?

Erfahrene Weintrinker gehen dieses philosophische Problem eher praktisch an: über die Konstruktion von Ähnlichkeiten und von Analogien. Die erste Methode ist leicht. Wein riecht beispielsweise wie schwarze Johannisbeere. Die zweite ist schwer. Denn wann, bitte schön, schmeckt ein Wein "rund"? Dann, wennr keine Ecken hat. Erst das Zusammenspiel der Analogien weist einem einzelnen Ausdruck und damit einem Wein seinen Platz zu; just dies meinte Wittgenstein mit seinem Satz: "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache " Ein Meister dieses Sprachspiels ist Michael Broadbent, seit fast dreißig Jahren Abteilungsleiter für Weinauktionen bei Christies in London. Stets führt er ein Notizbuch bei sich, in das er seine Eindrücke von Weinproben einträgt. Ein gewiltiges Werk von mehr als 60 000 Eintragungen ist so entstanden, und daraus wiederum ein Buch. Nun ist eine deutsche, aktualisierte Übersetzung erschienen. Broadbent stellt Weine aus drei Jahrhunderten und allen bedeutenden Weinregionen vor - und beweist, daß er seinen Ruf als Vater der modernen Weinsprache zu Recht genießt. Ein Glossar beschreibt viele mittlerweile übliche Ausdrücke; für jeden, der sich über Wein unterhalten will, eine nützliche Zusammenstellung. Doch wer, wie Broadbent, die Weinsprache beherrscht, der darf auch spielen: Wir lesen von "Hühnerhausduft", "Sattelgeruch" oder gar, im Fall des Buketts des 1869er Chäteau Lafite, von einem Geruch nach "CastrolXLMotoröl". Nachvollziehbar für jeden indes, der ausgeprägte deutsche Rieslinge gerochen hat; ist Broadbents Vergleich mit Kerosin.

Wer sich den Spaß macht und in den Notizen stöbert (durchlesen kann man dieses Buch nicht), erfährt eine Menge über die Geschichte einzelner Weinregionen und über die Besonderheiten vieler Jahrgänge. Verblüfft stellt Broadbent oft fest, wie sehr bestimmte Weine allen Prognosen widersprechen, überraschend kurz- oder langlebig sind und sich von Flasche zu Flasche unterscheiden; ein geflügeltes Wort lautet: "Es gibt keinen großen Wein, nur große Flaschen Ob das wohl so bleiben wird? Kellertechnische Perfektion erlaubt es mittlerweile, viele Weineigenschaften erstaunlich präzise anzusteuern. Einige der neuen Technoweine haben sogar hohes Niveau. Auf der Strecke bleibt die Variation, die Individualität.

Hoffen wir, daß Broadbents Buch nicht eines Tages zum Zeugnis einer untergegangenen Weinwelt wird, in der alle Geschmacks- und Duftvarianten möglich waren, in der Wein nach "Pilzsuppe" schmecken oder wie eine "Blumenwiese" riechen konnte. Die "Weinnotizen" sind ein Gedächtnis des Geschmacksempfindens, auch dem Nichtfachmann zugänglich, ein schönes Geschenk für jeden Weinfreund und der ideale Begleiter zur Lieblingsflasche. Gero von Randow Hallwag Verlag, Ostfildern 1994; Leinen, Format 18 5 x 26 Zentimeter, 776 S, 148 - DM