Von Rolf Michaelis

Jetzt mal langsam. Wenn ein Herausgeber verkündet: „Die hier vorgelegte Edition der ‚Faust‘-Dichtungen Goethes unterscheidet sich in Schreibweise und Zeichensetzung, aber selbst hinsichtlich des Wortlauts, der Versanordnung und der Szenengliederung so weitgehend von allen vorangehenden Ausgaben, daß...“ – dann baut der Leser einen Schutzwall aus den auch nicht schmalbrüstigen Ausgaben, die es schon bisher brauchte, um Goethes Weltgedicht zu lesen, vielleicht zu verstehen: den Artemis-Goethe von Ernst Beutler, die Hamburger Ausgabe von Erich Trunz und ein paar Sonderpublikationen dazu.

Gelesen, verglichen: tagelang, nächtelang. Da kann man nur noch nicken zu dem vernichtenden Urteil, das der Herausgeber dieser „Lese- und Studienausgabe“ am Ende seiner Kommentare über deutsche Gelehrtenwelt und die eigene Zunft, Germanistik, fällen muß: „So ist eine historisch-kritische Ausgabe des ‚Faust‘, die einen zuverlässigen authentischen Text böte ... und damit allererst eine Grundlage herstellte für korrekte Leseausgaben, bis heute nicht zustande gekommen – was angesichts des weltliterarischen Ranges dieser Dichtung doch wohl eine nationale Schande darstellt.“

Die Ohrfeige für Pantoffel-Professoren und die ideologisch besonders anfällige Universitäts-Germanistik („Faust als weltliche Bibel betrachtet“, 1894; „Faust im Braunhemd“, 1933) kommt diesmal nicht von Außenseitern oder jungen Gelehrten wie etwa bei manchen Klassiker-Editionen (Hölderlin, Kleist) des Verlags Stroemfeld, sondern von einem Großmeister der deutschen Philologie, dem 1925 geborenen Dr. phil. und Ehrendoktor vieler Universitäten im In- und Ausland, dem seit 1990 emeritierten Professor für Sprach- und Literaturwissenschaft in Göttingen.

Was hat Albrecht Schöne getan? Gelesen.

Schöne hat den Hunderten von „Faust“-Ausgaben, den Zehntausenden von „Faust“-Büchern mißtraut. Er hat, wo sie erhalten sind, Goethes Reinschrift, Druckvorlagen, Erstausgaben gelesen und mit den auch seinen Studenten vorliegenden „Faust“-Editionen unserer Zeit verglichen.

Das Ergebnis ist niederschmetternd für ein Werk, dessen Titelhelden der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling schon 1802 in seinen Jenaer Vorlesungen (da konnte er nur den Druck des „Faust-Fragments“ von 1790 kennen) als „unsere mythologische Hauptperson“ pries, die „wir ganz für uns allein haben, da er recht aus der Mitte des deutschen Charakters und seiner Grundphysiognomie wie geschnitten ist“: Über Handschriften gebeugt, Bleistift- und Feder-Buchstaben unterscheidend, Korrekturen bedenkend, immer bemüht, zwischen Goethes Handschrift und der Hand eines Schreibers zu unterscheiden, dem der Dichter diktierte, muß Schöne etwa viertausendmal Korrektur-Kringel malen.