Von Martin Lüdke

So mancher Einwand ist gegen unser „Literarisches Quartett“, die mit Abstand erfolgreichste Schwundstufe der Literaturkritik, schon vorgebracht worden. Auch die Verdienste der Heiligen Drei Könige um das sogenannte literarische Leben, was immer das sein mag, hat nicht zuletzt der große Meister Reich-Ranicki selber gebührend herausgestrichen. Unerwähnt bleibt dabei, was das treffliche Trio alles getan hat, um die Vorstellung einer europäischen Literatur in den neuen und alten Bundesländern unserer Republik durchzusetzen. Was wären, sagen wir, die Polen, was wären die Tschechen, was wären die Niederländer ohne die Paukenschläge auf dieser Werbetrommel? Die riesigen Auflagen von Szczypiorski und Nooteboom gehen nachweisbar auf den Einsatz des großen Meisters zurück. Und so verdankt auch der gerade vierzigjährige holländische Jude Leon de Winter seinen überraschenden Erfolg auf dem deutschen Meinungsmarkt einem trefflich formulierten Urteil Reich-Ranickis, dem es gelang, seine sicher komplexen Leseeindrücke in einem Wort zusammenzufassen: „Ekelhaft.“ Die beiden Mitstreiter widersprachen dem Meister heftig und mit vollem Körpereinsatz, es ging mal wieder lebhaft zu in dem Salon, der keiner ist, und der ungewöhnliche Spinoza-Roman über einen oral regredierten Diplomaten, „Hoffmans Hunger“, war mitsamt seinem Autor auch bei uns durchgesetzt.

Der überraschende Erfolg scheint den Autor bewogen zu haben, seinen nächsten Roman „SuperTex“ (unter Freunden gesagt, es handelt sich eher um eine längere Erzählung), vergangenen Herbst beim Münchner Piper Verlag als Taschenbuch herausgekommen, dort wieder zurückzuziehen und jetzt als Diogenes-Hardcover neu unter die Leute zu bringen. Das Buch verdient, ganz fraglos, Leineneinband und Fadenheftung und das schöne Matisse-Bild auf dem Schutzumschlag, zumal der Held Max Breslauer, wie sein diplomatischer Vorgänger, manisch mampft, nur im Unterschied zum Botschafter das sinnlos in sich hineingestopfte Essen bei sich behält Als „Fettrollen um die Taille“, „breite, schwere“ Schenkel und einem, wie seine gerade entlassene Sekretärin richtig meint, „Fettarsch“ sind seine „rund fünfzig Hündchen Übergewicht“ ersichtlich gut angelegt. Es handelt sich, psychologisch betrachtet, um Kummerspeck. Und an einem Samstagmorgen, an dem unserem dicken Max so ziemlich alles schiefgeht, finden wir ihn dort wieder, wo Misere Gesellschaft einen Kummerkasten für ihre mittelständischen Neurotiker eingerichtet hat: auf der psychoanalytischen Couch. Hier liegt er nun, in direkter Nachbarschaft von Italo Svevos „Zeno Cosini“, neben Philip Roths „Portnoy“, und erzählt – nicht wie Cosini von der letzten Zigarette, nicht wie Portnoy von den Sinnesfreuden, die sich hart an seiner Herkunft reiben. Max Breslauer, der fette Millionenerbe, erzählt mit großem dramaturgischen Geschick, raffiniert eingesetzten Blenden und effektvoll inszenierten Episoden von der emotionalen Misere, die sein Leben ausmacht.

„Wo sollte ich anfangen? Es war eine lange Geschichte, die ich erzählen mußte. Lang und verrückt. Ich sagte: Vielleicht sollte ich mit heute früh anfangen.’“ Schon sind wir mittendrin.

Max hat nach dem plötzlichen Tod seines Vaters die Textilkette SuperTex übernommen, die auf Billigimporte aus der Dritten Welt spezialisiert ist. „Gute Ware zu Schleuderpreisen“ hieß die erfolgreiche Devise seines Vaters, Simon Breslauer, der, ostjüdischer Herkunft, als einziger seiner Familie den Holocaust im KZ überlebt hat.

Doch dann kommt, was kommen muß: der Samstagmorgen. Max will verspätete Winterware aus Thailand anmahnen und muß feststellen, daß er die entsprechenden Unterlagen in seinem Büro gelassen hat. Er quält sich in seinen Porsche und rast durch das noch verschlafene Amsterdam. Bis es knallt. Eine „Chassidenfamilie direkt vor meinem Porsche“. Der Unfall, der glimpflich ausgeht, bringt das seelische Gleichgewicht des übergewichtigen Helden mächtig ins Rutschen. „Ein Jude im Porsche“: Das Wort geht ihm nach.

Die Sekretärin kündigt. Die Freundin läuft ihm weg. Die Vergangenheit holt ihn ein. Sowohl, seine erste große Liebe, die sephardische, also gleichsam aristokratische Jüdin Esther D’Oliviera, wie auch sein Bruder Benjamin, Boy genannt, haben im orthodoxen Judentum den Halt gefunden, der ihm fehlt. Ihm fehlt vor allem der Glaube. Schon die jiddischen Spruchweisheiten, die sein Vater bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit von sich gab, gingen ihm kräftig auf die Nerven, wobei wir erst am Ende erfahren, weshalb der Vater mit den Weisheiten des ausgerotteten Judentums geradezu hausieren geht.

De Winter hat ein gutes Gefühl für den effektvollen Einsatz seiner Mittel. Die Beschreibung des Essens, bei dem Esther der Familie Breslauer vorgeführt und umgekehrt diese Familie dem Prachtweib präsentiert wird, der virtuos inszenierte Umschlag von Quantität in (ganz undialektisch, zur Beruhigung der Freunde von Strauß und Engels gesagt) Qualität, der plötzliche Ausbruch von Aggressivität, die Verschärfung des Tons: Man ahnt beim Lesen, wie aus dem behaglichen Lob – „köstlich“ – erst ein Imperativ und schließlich ein verzweifelter Aufschrei wird.

Weit stärker als in „Hoffmans Hunger“ neigt de Winter hier zur satirischen Darstellung. Des öfteren kippt die Satire sogar in Groteske um. Das heißt: Aus den Figuren werden Typen. Und die Typen werden vorgeführt, ausgestellt. Das erinnert an Romane Jurek Beckers, „Der Boxer“ etwa, die immer wieder Vaterfiguren zeigen, die verzweifelt und meist vergeblich versuchen, jenseits ihrer Rolle als Opfer des Faschismus ein Leben zu leben. Bei aller Tragik, die diesen Personen anhaftet, gelangen Becker oft ausgesprochen humorvolle Passagen – Leon de Winters Mittel sind sichtlich beschränkter. In der satirischen Überzeichnung geht jene Tragik verloren, auf die der Autor dennoch zielt. In einer Schlüsselszene des Buches – Max hätte seinen Vater beinahe, und absichtlich, mit einer Schere erstochen – sagt der Vater zum Sohn: „Wenn ein Vater seinem Sohn etwas schenkt, lachen beide – wenn der Sohn seinem Vater etwas schenkt, weinen beide.“ Und wenn am Ende, Max hat nun seine ganze Lebensgeschichte (uns und) der Analytikerin erzählt, dieses jiddische Sprichwort noch einmal von Max zitiert wird, dann erkennt auch der letzte Leser, daß hier ein Sohn seinem Vater die lebenslang entzogene Liebe endlich nachgetragen hat. Und aufs Rührstück versteht sich de Winter nun wieder.

Wie überhaupt die Mischung stimmt. Amerikanischer Realismus von unseren niederländischen Nachbarn. Handlung und Melodramatik. Die Geliebte des Vaters wird zur Lebensgefährtin des Sohnes. Der tumbe Bruder zum klugen Mann. Und der dicke Max zum einsichtigen Kind. Die Moral stimmt auch. Zudem haben wir uns gut unterhalten. Literarische Bedenken zu äußern, das wäre kleinlich. Das ist europäische Literatur, und die ist so ganz nach dem Geschmack unserer Heiligen Drei Könige. Deshalb hat das treffsichere Trio auch so viel Erfolg. Man kann viel gegen unser „Literarisches Quartett“ sagen. Aber es liegt eben immer richtig. Und das ist gut so. Für den Buchhandel und für das literarische Leben.

  • Leon de Winten

SuperTex

Roman; aus dem Niederländischen von Sibylle Mulot; Diogenes Verlag, Zürich 1994; 265 S., 36,– DM