Von Hajo Steinert

Maxim Biller belebt den deutschen Literaturbetrieb mit Glossen, Kolumnen, Essays, Rezensionen und gelegentlich sogar mit „Grundsatzprogrammen“. Darin klagt er temperamentvoll wie kein anderer seiner Altersgenossen „realistische“ Erzählungen und Romane ein, genauer gesagt: eine Verbindung von Journalismus und Literatur. „Hardcore-Journalismus“ und „Realitätswühlerei“ lauten seine Zauberformeln. Wer sich nicht fügt, bekommt die Härte seiner Polemik zu spüren. „Avantgardistendenken“, „Akademikerart“, „Selbstverliebtheit“, „stumme Überheblichkeit“ und dergleichen mehr wirft er seinen andersschreibenden Kollegen vor. Sie schrieben eine Literatur, „die keinen berührt, mitreißt, fasziniert, eine Literatur, die nurmehr auf den Seiten des Feuilletons stattfindet“.

So sind wir im Feuilleton also ernsthaft bereit, uns von Billers eigenen Erzählungen berühren oder mitreißen zu lassen. „Land der Väter und Verräter“ ist der zweite Erzählungsband des 1960 in Prag geborenen, seit 1970 in München lebenden Schriftstellers. Er hat in der Tat etwas zu erzählen. Als Jude mit osteuropäischer Familiengeschichte kann er von Erfahrungen berichten und Geschichten überliefern, die anderen Autoren um die Dreißig in Deutschland nicht einfallen können. Biller selbst spricht in solchem Zusammenhang von „stoffspendendem Glück“. Und da er es sich nicht so leicht macht, die Geschichte einzig und allein in Täter (die Deutschen, die Nazis) und Opfer (die Juden) einzuteilen, bedeuten seine Texte eine Herausforderung sowohl an den nichtjüdischen als auch an den jüdischen Leser.

Zudem sind seine Dialoge alles andere als abgewogen. Sie sind mal von rasierklingenhafter Schärfe, mal von hoffnungsloser Einfältigkeit: „Du Dreck, du Scheiße, du perverser, verlogener Widerling“ – so oder ähnlich prallt es den erklärten Feinden entgegen. „Jüdische Verstellsucht“ und „Verfolgungsparanoia“ werden genauso aufs Korn genommen wie „deutsche Luxus-Juden“ und „Karnevals-Zionisten“. Maxim Biller gefällt sich in der Rolle des „Agent provocateur“.

Ein gemeinsames Thema der insgesamt sechzehn Erzählungen wird darüber hinaus aus dem Verhältnis jüngerer Juden zu denen, die den Holocaust am eigenen Leibe erlebt haben, entwickelt. Es geht hier oft um Verrat, den Juden an Juden begehen. Die erzählerische Ausgangsposition wiederholt sich: Ein Jüngerer stellt einen Älteren zur Rede, will wissen, wie es damals wirklich gewesen ist, will ihn, den Älteren, beim Verdrängen und Vergessen erlittener Pein ertappen.

Recherchieren und Erzählen sind für Maxim Biller eine Einheit. Der Furor in seiner Rhetorik ist Ausdruck des gescheiterten Dialogs jüngerer Juden mit ihren Vätern. Die Geschichten handeln auch von jungen Juden, davon, wie diese Juden heute mit einer Vergangenheit leben, die sie nur aus den Erzählungen der Alten und aus Geschichtsbüchern kennen. Biller erzählt von Reisen zu den Orten der Vorfahren, von zufälligen Begegnungen und erotischen Zusammenstößen. Mit Hana in Prag geht unser Bohemien und Spurensucher ins Bett, obwohl sie „eine winzige Affenhand“ hat und statt des Slips eine rote Turnhose trägt. „Sie war der häßlichste Mensch, den ich jemals gesehen hatte.“ Frauen haben es überhaupt schwer bei Biller, es sei denn, es handelt sich um die Mutter.

Andere Geschichten spielen in München, Berlin, New York, Prag, Haifa, Tel Aviv. In einer Geschichte wird eine junge jüdische Schriftstellerin von einem Neonazi in einer Dresdener Buchhandlung erschlagen. Es gibt Abenteuergeschichten vom Überleben in der Nazizeit und heutige, flüchtige Liebesgeschichten (bei Biller zugleich auch stets Haßgeschichten); und meistens, so scheint es, ist der von Text zu Text wandernde Ich-Erzähler ziemlich identisch mit dem Autor selbst – womit wir bei den größten Problemen in Billers neuen „Stories“ wären: Keiner ist von ihnen so „berührt“, „mitgerissen“ und „fasziniert“ wie der Verfasser selbst.