Seit der D-Zug nicht mehr D-Zug, sondern InterRegio heißt, ist auch die Landschaft schneller geworden. Hinter Marktredwitz biegen sich die Gehölze so glatt beiseite, als wollten sie einen noch geschwinder ins Herz Europas hineintreiben, dorthin, wo die Saale dem Frankenwald gute Nacht sagt. Endlich kommt man an einen gewaltigen Bahnhof, hinter dem, gut verschanzt, ein kleines Städtchen liegt. Das ist Hof.

Gleich am ersten Abend ging ich auf dem Weg vom reichlich dezentral gelegenen Hotel „Central“ zum Centrai-Kino, dem zentralen Festivaltheater, hoffnungslos in die Irre. Ausfallstraßen, leere Kreuzungen, Gewerbeschulen, in der Ferne das Rauschen des Flusses. Eine Hoferin half mir weiter. Eigentlich studiere sie Jura in München, sagte sie, aber für die Hofer Filmtage komme sie jedesmal hierher zurück, zu ihren Eltern. Tagsüber schaue sie sich Filme an, und abends jobbe sie als Aushilfskellnerin im „Kreuzstein“. So ist Hof.

Seit beinahe dreißig Jahren leitet Heinz Badewitz die Hofer Filmtage. In dieser Zeit haben sich die Hofer Straßen und die Hofer Filme merklich verändert, Badewitz aber nicht. Noch immer trägt er die Haare so lang wie die Beatles vor „Sgt. Pepper“, und noch immer glaubt er an den Deutschen Film. Nur sagt er es nicht mehr so laut. Badewitz’ Eröffnungsrede, sonst ein verläßlicher Höhepunkt des Festivals, geriet diesmal eher kläglich; er las sie vom Blatt. Danach lief Vivian Naefes Fernsehfilm „Man(n) sucht Frau“.

In „Man(n) sucht Frau“ ist die Zeit stehengeblieben. Christoph Waltz, der Mann auf Frauenjagd, sieht aus wie der junge Günther Netzer (nur besser), und der ganze Film sieht aus wie ein Jungendwerk von Doris Dörrie (nur schlechter). Aber das Thema stimmt: Liebe, Heirat, Familie. Daß auch Doris Dörrie begriffen hat, wohin der Trend sich dreht, bewies in Hof ein Vier-Minuten-Clip aus ihrem neuen Werk, in dem Maria Schrader ganz allein auf Männersuche geht. Der Titel des Films: „Keiner liebt mich“. Keiner liebt den Deutschen Film. Deshalb strömen die Hofer Leut’ in die Werkschauen des Kanadiers Atom Egoyan und des Amerikaners Tim Burton – und in Filme aus Neuseeland, Australien und Frankreich, die schon anderswo zu sehen waren (und demnächst im Kino anlaufen). Und deshalb strömten sie aus Niko Brüchers „Maries Lied“ und Dagmar Hirtz’ „Moondance“ in Scharen wieder heraus. Der eine Film spielt im alten Preußen, der andere im heutigen Irland, und aus beiden rinnt der Kitsch mit jener mittleren Fließgeschwindigkeit, die im Fernsehen gefällig und im Kino tödlich wirkt.

Wer etwas werden will im Deutschen Film, der lernt von den Erfolgreichen, von Sönke Wortmann und Katja von Garnier. Der Berliner Regisseur Heiko Schier hat sich aus Garniers „Abgeschminkt!“ und Wortmanns „Kleine Haie“ je eine Schauspielerin geborgt – und trotzdem keinen Abklatsch seiner Vorbilder gedreht. „Freundinnen“, die Geschichte von Sophia (Meret Becker) und Olga (Nina Kronjäger), hätte sogar ein noch besserer Film werden können, wenn er nicht bloß mit dem Budget eines ZDF-Fernsehspiels produziert worden wäre. Der beste Kommentar zu Schiers „Freundinnen“ ist der Name seiner Heldin: „Sophia Hunger aus Elend, Kreis Wernigerode“. Ein Bonmot aus den Zeiten der Rezession.

Die Rezessionskomödie des Jahres kommt von Hans-Christoph Blumenberg. „Rotwang muß weg!“ war die Überraschung von Hof; ein Film über Terroristen, Dinosaurier, Modepäpste, Stasi-Regisseure, Attentate und andere Kleinigkeiten, der keine Spur jener Betulichkeit zeigt, die sich sonst wie Mehltau auf jeden Anhauch deutscher Kino-Komik legt. „Rotwang“ versucht keinen Moment lang zu verbergen, daß er ein Krisenprodukt ist: Seine Ausstattung ist karg, seine Dramaturgie mehr als löchrig, und mancher Witz trägt nur knapp über den Abgrund hinweg, über dem die Handlung hängt. Aber Blumenberg hat außer seinen großartigen Darstellern (Udo Kier, Beate Finckh, Klaus Bueb, Sybill Novak) noch eine andere, wichtige Kino-Waffe für „Rotwang“ mobilisiert: seine Verzweiflung. Den Traum vom großen, teuren Genre-Kino hat er nach dem Debakel des „Madonna-Manns“ (1987) begraben; jetzt schießt er mit den Mitteln der Satire auf alles, was die deutsche Seele bewegt. „Rotwang muß weg!“ war nur der erste Streich; in Hof drohte Blumenberg schon mit „Rotwang II“.

Wenn sich Blumenberg, Schier, Vivian Naefe und andere Regisseure an einem der vier Hofer Festivaltage auf ein Podium gesetzt und offen über die Zukunft ihres Metiers geredet hätten, wenn ein paar Produzenten, Verleiher, Kinobetreiber und vielleicht sogar ein, zwei Altvordern wie Wenders oder Herzog dazugekommen wären und ihren Heiligenschein zu Hause gelassen hätten – dann hätte es im friedlichen und gemütlichen Hof vielleicht einmal so etwas wie einen Streit gegeben, einen Aufruhr, womöglich sogar einen Aufbruch, irgendwohin. Aber Heinz Badewitz will keinen Streit mehr. Hof bleibt Hof. Andreas Kilb