B 1, Dienstag, 25. Oktober, 22.15 Uhr: „Im Schatten Pasternaks – Peredelkino, ein Ort mit Schriftstellern“

Stalins Augen: „Vierzig Sekunden lang starrte er mich an mit seinen glanzlosen Augen, kleine schwarze Löcher, als wollte er herausfinden: Weiß der was? Wenn ich diesem Blick nicht standgehalten hätte, wäre ich erschossen worden.“

Leonid Leonow, einer der meistgelesenen und meistübersetzten Autoren der Sowjetunion, berichtet von einer Begegnung mit Stalin im Hause Gorkis. Da hatte er ihn gefragt, ob man den Schriftstellern nicht ein bißchen Land geben könne, daß sie eine landwirtschaftliche Kooperative gründen am Stadtrand von Moskau. „Datschen wollt ihr haben!“ hatte Stalin gleich gewußt und: „Kamenjews Datsche ist gerade freigeworden, hahaha!“ (Kamenjew war gerade abgeholt worden.) Darauf Leonow: „Wissen Sie, Josip Wissarionnowitsch, das ist ein zu kitzliger Ort.“ Und Stalin: „Ein kitzliger Ort, das will ich meinen, hahaha!“ Stalin sei die einzige shakespearesche Figur der Sowjetgeschichte gewesen, meint Leonow. „Typisch Stalin – entweder Kopf ab oder den Arsch vergoldet.“

Auf diese Begegnung im Jahre 1931 geht die Gründung der Schriftstellerkolonie Peredelkino zurück. Die einst luxuriösen Datschen sind inzwischen verlassen und verfallen. Pasternaks Haus ist als kleines Museum zu besichtigen. Das „Werkhaus“ beköstigt noch immer Autoren und deren Angehörige, die in ihrem Anspruch auf die Fürsorge des Staates aus der Sowjetzeit übriggeblieben sind – aus einer Zeit, in der Schriftsteller so viel galten, daß man sie notfalls erschießen mußte.

Die Atmosphäre des Ortes ist im Film von Andreas Christoph Schmidt auf unterschiedliche Weise eingefangen. Zeitzeugen schildern, wie schmal der Grat war zwischen Versorgtsein und Verschwinden. Von Alexander Fadejew wird berichtet, daß er als Sekretär des Schriftstellerverbandes gegenzeichnen mußte, wenn einer verhaftet wurde: Es sind Hunderte gewesen – etwa Pilnjak und Isaak Babel, der später hingerichtet wurde. Wie hat man danach weiterschreiben können?

Der Geist des Ortes hat eine Mentalität geschaffen, die für Sowjetautoren, sofern sie nicht als Dissidenten leben oder emigrieren wollten, wohl typisch war: Flucht in eine spezifische Naivität, Rückzug aus einem heiklen, allzu „kitzligen“ Erwachsensein in eine Welt der Symbole, der Fabeln und Märchen. Kornej Tschukowski hat hier seine Kinderbücher geschrieben, sein Märchen von der Riesenschabe, in der Stalin wiederzuerkennen war. Wir sehen Tschukowski als Achtzigjährigen mit Kindern um eine Birke tanzen, ganz Kind geworden. Schon solcher raren Archiv-Bilder wegen ist der Film sehenswert.

In die noch nicht ganz verlassene Dichtersiedlung und ihre stillen Wälder wachsen die Hochhäuser der Moskauer Peripherie hinein. Zwischen zwei Kindern und einem Hund, die ihn belagern, deklamiert Jewgeni Jewtuschenko sein Gedicht von der lauten Stadt Ja und der stillen Stadt Nein, beschwört das Heimweh nach Verneinung, das ihn befällt, wenn er von der freundlichen Bejahung des Westens umgeben ist. Martin Ahrends