Seit dem Frühjahr 1994 ist das KZ Buchenwald wieder in die Schlagzeilen geraten. Die "Entdeckung" geheimer SED Akten sorgte für reißerische Behauptungen. Bild (Thüringen) schrieb von einer "mörderischen Kumpanei zwischen Nazis und Kommunisten" im KZ Buchenwald. Es wurde kolportiert, "Geheimakten" mit Beweisen würden der Öffentlichkeit vorenthalten. Tatsächlich waren diese Akten Wissenschaftlern bekannt und in der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR beim Bundesarchiv - in der sich die SED Dokumente befinden - auch zugänglich.

Es handelt sich dabei um Niederschriften von Vernehmungen einer SED Untersuchung von 1946, in deren Mittelpunkt das Verhalten des Lagerältesten und Kapo des KZ Buchenwald, des seinerzeitigen Innenministers von Thüringen Ernst Busse (der 1952 im sowjetischen Lager umkam), stand. Da die deutschen Kommunisten befürchteten, in einem von der US Militärregierung vorgesehenen Prozeß würden Übergriffe kommunistischer Funktionshäftlinge zutage kommen, weitete sich die Untersuchung auf die Rolle der KPD Gruppe im KZ Buchenwald aus. Im Rahmen der "Säuberungen" ist das Thema dann wegen eines geplanten Schauprozesses in der DDR 1950 bis 1953 nochmals aufgegriffen worden. Die brisanten Papiere blieben in der DDR Zeit völlig geheim.

Nun liegen diese Akten gedruckt vor. Lutz Niethammer hat sie geordnet, mit vielen anderen Unterlagen ergänzt herausgegeben und - zusammen mit Karin Hartewig - eine umfangreiche Einleitung vorangestellt. Damit kann die Behandlung eines düsteren Kapitels deutscher Geschichte von der Boulevardpresse weg in eine ernsthafte historische Auseinandersetzung verlegt wenden. Mit dieser Dokumentation werden die Maßstäbe zurechtgerückt. Die von den Nazis geschaffenen, von der SS befehligten Konzentrationslager waren Teil des NS Unrechtsstaates und seiner Unterdrückungs- und Ausrottungspolitik. Nicht nur in den Vernichtungslagern des Holocaust war der Massenmord an der Tagesordnung, auch in den "normalen" Lagern wurden Gegner des Regimes umgebracht, so sind damals allein im KZ Buchenwald 50000 Menschen ermordet worden. Bereits 1946 hatte Eugen Kogon, jahrelang selbst Häftling in dem 1937 eingerichteten KZ Buchenwald, dessen innere "Ordnung" enthüllt. Nachgewiesen hat er die Verantwortlichkeit des NS Staates, die Schaffung einer wahren Hölle für die Gefangenen durch die SS. Und bereits damals schrieb Kogon, daß die SS zur Sicherung ihrer Gewaltherrschaft im Lager Funktionshäftlinge einsetzte, dort eine hierarchische Struktur errichtete. Diese Kapos erhielten Privilegien und besaßen Macht über die Mithäftlinge. In einer Art Selbstverwaltung hatte die SS den Funktionshäftlingen sowohl die innere Konfliktregelung als auch die direkte Anleitung der Arbeiten übertragen. Das hatte zur Folge, wie Niethammer in der Einleitung korrekt beschreibt, daß die "Häftlingsgesellschaft keine egalitäre Solidargemeinschaft war, sondern eine vom Terror der SS entmenschte Wolfsgesellschaft, in deren harten Hierarchien es jedoch verschiedene Solidargemeinschaften gab und die deutschen Kapos eine privilegierte Oberschicht mit erheblicher Macht über die anderen Häftlinge darstellten".

Der KPD Gruppe mit etwa 600 bis 700 Mitgliedern (darunter 75 Funktionäre des "Parteiaktivs") gelang es in der Mitte des Zweiten Weltkrieges, diese Positionen in Buchenwald zu besetzen. Eine Lagerführung der illegalen KPD leitete die "roten Kapos" an. Diese waren so "zugleich ein nationales Ordnungsinstrument der SS zur inneren Organisation der multinationalen Lagergesellschaft" (die große Mehrheit der Gefangenen waren ja Ausländer), bildeten aber auch "eine von deutschen Kommunisten (mit internationalen Verbindungen) beherrschte Widerstandsorganisation", wie Niethammer es nennt.

Die wichtigsten Probleme einer solchen "Kooperation" inhaftierter deutscher Kommunisten mit der SS Lagerleitung sind in der Einleitung thematisiert. Die Haltung kommunistischer Funktionshäftlinge, die ja so gegensätzliche Absichten verfolgten wie die Rettung von Häftlingen, Schonung der eigenen Kader und persönliche Privilegierung, werden breit diskutiert.

Das unmenschliche KZ System, das die KPDGruppe zu unterlaufen suchte, indem sie die von der SS zugewiesenen Funktionen im Lager ausübte, hat die Grenzen des Überlebenskampfes zwischen Terrormaßnahmen und Kollaboration verwischt. Diesen Dschungel der "Wolfsgesellschaft" mit ihren eigenen Maßstäben differenziert und mit Verständnis für die Umstände, aber zugleich ohne Tabus der Verstrickungen der KPDGruppe offengelegt zu haben, das ist das Hauptverdienst der vorliegenden Dokumentation. Damit wird die in der DDR Historiographie übliche frühere Heroisierüng der Rolle der Kommunisten im KZ Buchenwald ebenso auf die Realität zurückgeführt wie die primitive Vorstellung, Kommunisten und SS hätten gewissermaßen "Hand in Hand" den Lagerterror praktiziert.

Das Bekanntwerden der Geheimakten der SED von 1946 ist für viele heute deshalb so schockierend, weil jetzt die "antifaschistischen" Legenden der SED, ihre Heroisierung der KPD Gruppe im KZ Buchenwald enthüllt sind Statt der Behauptung von einer heldenhaften KPD Widerstandsgruppe im Lager, die in einem breiten antifaschistischen Konsens die Rettung der Gefangenen, ja sogar einen "Aufstand" und damit die Befreiung des KZ organisiert habe, zeigen die Dokumente nun das Bild vom schrecklichen Alltag der KZ Hölle mit ihren menschenverachtenden Zuständen. Dort wurde der Mensch erniedrigt zur hilflosen Kreatur, die ums bloße Überleben kämpfte. Und die stärkste politische Gruppe eben die der KPD - hat ihre Überlebensstrategien auf Kosten anderer, das heißt durch die Mithilfe bei der Ermordung von "Ersatz" Häftlingen, erreicht, und ihre Funktionäre haben Privilegien mannigfacher Art genossen.