ARD, täglich: „Chronik der Wende“

Man hat das ja alles schon wieder vergessen: die endlosen Demos von Leipzig, die großen Debatten auf dem Alexanderplatz, die Mahnwachen in der Gethsemane-Kirche, die Handzettel des Neuen Forums, die Polizeikessel von Dresden und Berlin, die Angst vor der „chinesischen Lösung“, die Neugründung der sozialdemokratischen Partei und: „Gorbi, Gorbi!“ und: „Freiheit“. Fünf Jahre danach haben die PDS, der Rechtsradikalismus und die Transferzahlungen sich über Ereignisse geschoben, die einst Bewunderung weckten und hoffen ließen.

Es stimmt nicht, daß der Westen den Osten freigekauft hat und daß schon der maroden Wirtschaft halber das Regime von selbst zusammengebrochen ist. Damals, als es losging, im Oktober 1989, wußte niemand, daß die Wiedervereinigung kurz bevorstand, und die Männer und Frauen, die auf die Straße gingen und Demokratie forderten, die in aller Eile Reformprogramme austüftelten und damit vor die Öffentlichkeit traten, sie gingen hohe Risiken ein. Noch war es nicht ausgeschlossen, daß Panzer rollen und aus dem Alexanderplatz ein Platz des Himmlischen Friedens werden würde. In den DDR-Medien waren mal wieder „gewissenlose Provokateure“ am Werk. In Berlin wurde, als es nächtens hieß: Knüppel frei!, die Straßenbeleuchtung abgeschaltet. In Dresden steckten 3000 Demonstranten im Polizeikessel fest. Und man munkelte vom Schießbefehl.

Glücklicherweise haben wir das Fernsehen, das als treuer Chronist in solchen Zeiten alles mitschneidet, was große Wandlungen ankündigt, ausdrückt und symbolisiert. Die Botschaftsbesetzer von Prag, Budapest und Warschau, die glücklich-unglücklichen Ankömmlinge in den Auffanglagern des Westens, die Politbüro-Zombis, die so tun, als wäre nichts, und wie Kurt („Tapeten-Kutte“) Hager verkünden: „Der Sozialismus in der DDR wird weiter erstarken – trotz des Geredes der westlichen Medien.“

Und immer wieder die Massenaufläufe, ja -aufstände, gewaltfrei und parolenprall, ahnend, daß es – jetzt oder nie – wirklich alles anders wird, in Angst aber zugleich vor „schwerem Kriegsgerät“, das durchaus in Stellung gebracht wurde – und schließlich die Erleichterung: Die Rote Armee wird nicht eingreifen. Dann rückt auch die NVA nicht aus. Statt dessen macht sich die greise Staatselite auf zum „Dialog“ mit dem Volk. Aber das beginnt längst, Forderungen zu stellen. Es hat eine Alternative: die Flucht.

Wer weiß, wie löchrig, brüchig und bestechlich das menschliche Erinnerungsvermögen ist, der schaue sich die meist in tiefer Geisterstunde ausgestrahlten „Chroniken“ – pro Folge fünfzehn Minuten – an. Er wird sich wundern, was damals alles geschah – nicht nur, was er alles vergessen, auch, was er gar nicht erst mitgekriegt hat. Die 73 Folgen lange Chronik beläßt es nicht bei Dokumenten, sie fügt zu manchem Ereignis die Interpretation aus fünfjährigem Abstand hinzu, vermeidet es jedoch geschickt, hinterher klüger zu sein. Es regiert die „Wende“ selbst – ihre Einschätzung aus heutiger Sicht kommt vorsichtig und sparsam hinzu. Wäre da nicht der scheußliche Synthesizer-Brummton, mit dem jede neue Etappe der Revolution von 1989 stereotyp unterlegt wird, man müßte sagen: ein rundum gut gemachter, nötiger Rückblick.

Barbara Sichtermann