enn hierzulande von der seltsamen Wortschöpfung "Vergangenheitsbewältigung"

die Rede ist, dann meinen die Beteiligten unabhängig von ihrer politischen Position den Umgang mit dem Nationalsozialismus im Nachkriegsdeutschland, auch wenn einige heute bemüht sind, die Behandlung der DDR Vergangenheit ebenfalls unter diesen Begriff zu fassen. Diesen auf uns selbst beschränkten Blick durchbrechen zwei Autoren: Ulrich Brochhagen, der die Diskussion zwischen den USA, Großbritannien, Frankreich und der jungen Bundesrepublik um die Freilassung der Kriegsverbrecher untersucht, und lan Buruma, der die deutsche und die japanische "Vergangenheitsbewältigung" miteinander vergleicht.

Buruma, 1951 in Den Haag geboren, lebt heute in London und schreibt für renommierte Blätter wie The New York Review of Books oder The Jahre in Japan gelebt und als Stipendiat des Wissenschaftskollegs zu Berlin zahlreiche Eindrücke vom gerade wiedervereinigten Deutschland sammeln können. Buruma ist Journalist, er reist umher, fragt, hört zu, schaut hin und schreibt seine Eindrücke auf - ein Genre, das in Deutschland zu Unrecht eher der gebildeten Unterhaltung zugerechnet und belächelt wird. Denn Burumas kundige Beobachtungen erweitern nicht nur den Horizont, sondern schärfen wiederum den Blick auf den eigenen Umgang mit der deutschen Vergangenheit.

Oberflächlich betrachtet scheint es viele Gemeinsamkeiten zwischen den Kriegsverbündeten Japan und Deutschland zu geben: An der Spitze beider Gesellschaften stand ein sakrosankter Führer, hier Hitler, dort der Kaiser, dem bedingungsloser Gehorsam zu schwören war. Beide Völker definierten sich als Herrenrassen, welche die Unterwerfung ihrer Nachbarvölker beanspruchten, Auch die Japaner errichteten Konzentrationslager, verübten Massenmorde, trachteten danach, ein großjapanisches Reich zu schaffen. Und doch ist ein Unterschied unübersehbar: Durch das atomare Inferno, das die amerikanischen Bomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 auslösten, fühlten und fühlen sich Japaner als Opfer einer amerikanischen Aggression. Die eigenen Kriegsverbrechen rückten fortan in den Hintergrund. Das Massaker an der chinesischen Zivilbevölkerung in Nanking 1937, die Greuel bei der Einnahme der Philippinen, die Tausende von verschleppten Zwangsarbeitern aus Korea, die Massenvergewaltigungen und Zwangsprostitution chinesischer und koreanischer Frauen - über all das durfte bis vor kurzem in Japan nicht öffentlich geredet werden.

Buruma stellt Auschwitz und Hiroshima als "heilige Orte" gegenüber: hier der Ort, der wie kein anderer den Willen der Nationalsozialisten zur Vernichtung der europäischen Juden zeigt, dort ein Friedenspark, der mit seinen Schreinen, Denkmälern, Glocken und Tempern der Toten gedenkt und die Lebenden zum Frieden mahnt. Im polnischen Oswiecim kann man an der Schuld der Deutschen nicht vorbeischauen, im ehemaligen Epizentrum der Atombombenexplosion droht die Verantwortung für den Krieg und seine Verbrechen unsichtbar zu werden.

Gibt es einen Unterschied in der deutschen und der japanischen Art der Erinnerung? Buruma gewinnt den Eindruck, als sei das deutsche Gedächtnis wie eine riesige Zunge, die rastlos nach einem schmerzenden Zahn tastet. Und indem er eine Unterscheidung der Ethnologin Ruth Benedict aufgreift, fragt er, ob sich eine europäische, christliche "Kultur der Schuld" von der einer asiatischen "Kultur der Schande" unterscheidet. In der Tat ist die Frage der Schuld, die auch die nachfolgenden Generationen zu tragen hätten, hierzulande ein heftig debattiertes Thema. In Japan dagegen gilt es, das Gesicht zu wahren, lieber die Wahrheit zu unterdrücken, als öffentlich die Schande einzugestehen.

Es scheint mir jedoch, daß Burumas Beobachtungen in Deutschland sehr von einer jungen Generation bestimmt sind, die in bewußter Abgrenzung zu ihren Eltern und Großeltern über den Nationalsozialismus reden will. Der Gestus der Betroffenheit von Friedensbewegten, den er mit spitzen Worten kritisiert, war auch Reaktion auf das lastende Schweigen in den Familien, auf die "bleierne Zeit" der ersten Nachkriegsjahrzehnte. Die von den Besatzungsmächien verordnete "Kultur der Schuld" jedenfalls hat nach dem Urteil Burumas in beiden Ländern versagt. Die Amerikaner haben Japan eine Verfassung oktroyiert, die, so der Autor, sich wie eine Übersetzung aus dem Englischen liest. Die in ihr festgeschriebene Entmilitarisierung wurde allerdings von den USA im Kalten Krieg selbst hintertrieben, indem sie Japan zur heimlichen Aufrüstung zwangen. Die Souveränität der Entscheidung nahmen sie damit den Japanern zum zweitenmal. So fühlten sich beide Seiten in Japan zur Mittäterschaft gezwungen, die Rechte, weil sie Japans "Entwürdigung" nach dem Weltkrieg mit ansehen mußte, die Linke, weil sie den heimlichen Verfassungsbruch geduldet hat. Beide Seiten haßten es, zur Mittäterschaft gezwungen worden zu sein, und beide fühlten sich als Opfer. Das ist laut Buruma der Grund, warum es Japanern so viel schwerer fällt als den Deutschen, ihre Kriegsvergangenheit aufzuarbeiten.