Von Karl-Markus Gauß

Der rumäniendeutsche Publizist Helmut Britz hat einmal vorgeschlagen, für die von Armut und Korruption verheerten, in phantastischer Despotie erstarrten Länder im Süden unseres Kontinentes den Begriff „Lateineuropa“ in Verwendung zu bringen. Aus Lateineuropa, einem Raum, in dem Diktatoren und Mythen leben, erreicht uns jetzt ein fesselnder Roman, der in seiner Verbindung von krassem Realismus und überbordender Phantastik über weite Strecken geradezu „tropikalisch“ anmutet und auch von einem García Marquez geschrieben sein könnte. Der 1936 geborene Ádám Bodor, der ihn mit grimmiger Ironie und wilder Metaphorik verfaßt hat, entstammt der ungarischen Minderheit Rumäniens und entrann Ceauçescus surreal existierendem Sozialismus 1982 nach Budapest, wo er heute als hochangesehener Erzähler lebt.

Das titelgebende „Schutzgebiet Sinistra“ ist ein Naturschutzgebiet irgendwo zwischen Balkan und Karpaten: Die polnischen, ukrainischen und griechischen Grenzen sind nicht fern und umschließen den Park, der zugleich verbotenes, umzäuntes Gelände ist, ein Lager der Verbannten inmitten idyllischer Naturkulisse, besiedelt von einem Menschenschlag, der sich in einer Mischsprache aus Ukrainisch, Rumänisch, Ungarisch und ein paar Brocken „Zipserdeutsch“ verständigt.

Das an Wäldern und Bären reiche Gebiet ist ein gleichnishafter Ort, an dem sich die Schicksale der Menschen mit Unerbittlichkeit erfüllen. Auf der Suche nach seinem entlaufenen Stiefsohn kommt der Ich-Erzähler eines Tages in das Schutzgebiet, und bald schon trägt er die Blechmarke eines anderen, vermutlich gestorbenen Bewohners und heißt zufolge der einzigen in diesem Revier gültigen Legitimation, der blechernen „Krepiermarke“, künftig Andrej Bodor. Was er erlebt und wie er von all dem Ungeheuerlichen, mit dem er konfrontiert wird, mit Gleichmut lakonisch berichtet, das macht den äußeren Handlungsgang des Romans aus, der seinen Stoff kunstvoll in fünfzehn Novellen organisiert.

Der atmosphärisch beklemmend dichte „Roman in Novellen“ zeichnet auch den Weg der Korrumpierung nach, denn der Fremde, einmal in das abgelegene Revier der Verdammten vorgedrungen, sucht dort seine Karriere zu machen. Er beginnt in der zentralen „Erfassungsstelle für Waldfrüchte“, bringt es mit mancherlei Dienstbarkeit zum „stellvertretenden Leichenbeschauer“, um über den „Straßenmeister“ gezielt die Position eines Bärenhüters anzustreben. Bestand die „Aufgabe des stellvertretenden Leichenbeschauers darin, mit dem Toten in einer Kammer zu sitzen und aufmerksam zu beobachten, ob er sich während der Schicht bewegte“, hat er es als Straßenmeister schon mit dem Beobachten von Flüchtlingen oder gar von verdächtigen Menschenansammlungen zu tun. Zumal das „tungusische Fieber“ wieder seine Opfer fordert, scheint die Stimmung im Schutzgebiet bedrohlich, bis die Polizei glaubhaft versichert, die gefürchtete „Winter-Epidemie“ sei amtlich auf nächstes Jahr verschoben worden.

Seine berufliche Tätigkeit bringt den Fremden mit einer ganzen Galerie höchst merkwürdiger Gestalten zusammen, mit dem 600 Kilogramm schweren Schmuggler Mustafa Mukkermann etwa, dem Straßenmeister Zoltan Marmorstein, dem Kantinenwirt Nikifor Tescovina oder der mächtigen Verwalterin Coca Mavrodin-Mahmudia, deren Ende, so seltsam es auch anmutet, in Sinistra niemanden erstaunen wird: „Sie war sitzend im Wald eingeschlafen, dort überraschte sie ein bleierner Regen, und reglos wie ein schlafender Falter gefror sie im Glas der Eistropfen, die sich um sie legten. Später warf der Wind den Eiskloben um, er zerbrach in Stücke und schmolz einfach dahin. Zurück blieb nicht mehr als ein Haufen nasser, nach Insekten riechender, mit Offizierssternen gespickter Lumpen.“

Ädäm Bodor ist ein fabelhafter Erzähler, den es im deutschsprachigen Raum noch zu entdecken gilt. Weder schwere östliche Kost noch kalorienreduzierte westliche Mode hat er anzubieten. Das regionale Sujet ist ihm kein Selbstzweck, aber auch kein bloßer Vorwand. Was er, der suggestive Bilder von Gewalt und Zerstörung, von gesellschaftlichem Niedergang und menschlichem Verfall zu entwerfen weiß, im Schutzgebiet Sinistra entdeckt und gleichnishaft gestaltet, ist vielmehr eine erschreckende Erkenntnis: daß der Ruin, wie er Lateineuropa lähmt, keine Ausnahme darstellt, sondern ein Modell.