Sie brachten ihn um Dies war schon 1977 kein passender Anfangssatz für einen Jugendroman, dieser Satz eignet sich auch heute, 1994, nicht als Einstieg für eine dringliche Empfehlung auf der Jugendbuchseite. Was soll er damit machen, der Leser, mit seinen "ab 14 Jahren"? Ein Romananfang aus der Schule eines Mickey Spillane, und doch der Beginn eines Jugendbuches: "Der Schokoladenkrieg" von Robert Cormier, 1977 im Ravensburger Verlag veröffentlicht, jetzt in der neuen Reihe Fischer Schatzinsel als Taschenbuch wiederentdeckt.

"Sie brachten ihn um" - fast. Als Jerry Renault (Unterstufe, Trinity School) versucht, in das Footballteam der Schule aufgenommen zu werden, spürt er zum ersten Mal die Gewalttätigkeit des Initiationsritus, die Tritte in den Unterleib, das Knie im Magen, den Schlag gegen den Kopf - den Preis, den man zu zahlen hat, um dazuzugehören. Die physische Variante des Gemeinschaftsgefühls. Jerry schafft es "Und dann, ohne Warnung, mußte er sich übergeben "

Was folgt - auf den nächsten 250 Seiten - frißt sich von alleine, Seite um Seite, ohne Luft zu holen, in einem Stück. Die Geschichte einer Privatschule in einer amerikanischen Kleinstadt wird zum Spiegel einer Gesellschaft: Verrat, Erpressung, Lust an der Macht, fast wie im richtigen Leben "Die Scharfrichter", ein Schülergeheimbund, kontrollieren den Alltag, von den geistlichen Lehrern stillschweigend toleriert, weil die Organisation wie nebenbei dafür sorgt, daß Unruhen und Demonstrationen außerhalb der Schulmauern bleiben. Die Arbeitsteilung funktioniert: Die Hierarchie bei den Mächtigen findet ihr Abbild im verkleinerten Modell bei den Unterdrückten. Als die jährlich sich wiederholende Schokoladenaktion beginnt, um die Kasse der Privatschule zu füllen - jeder Schüler verpflichtet sich freiwillig, fünfzig Tafeln ä zwei Dollar zu verkaufen sagt Jerry Renault nein. Nicht aus Geltungsbedürfnis, aus Oppositionsgeist oder heroischem Widerstandswillen wird dieses Nein geboren, sondern aus einem dummen Zufall. Doch verselbständigt es sich, setzt sich fest, verbreitet sich wie ein Bazillus: Nein! "Wir leben in einem freien Land, sagte er, und seine Worte lösten leises Gelächter aus. Jemand kicherte höhnisch. Ich fürchte, du mußt dir eine etwas originellere Erklärung einfallen lassen, Renault, sagte Bruder Leon "

Für den amerikanischen Autor Robert Cormier wird das Nein zum immer gültigen Testfall. T. S. Eliots "Darf ich es wagen, das Universum zu stören" steht auf einem Poster, das im Spind von Jerry Renault hängt. Nicht lange, dann endet es wie die mit einer Rasierklinge säuberlich zerschnittenen Turnschuhe - ein gutgemeinter Rat, doch ja zu sagen.

Ein bißchen umweht der Hauch der siebziger Jahre diesen Roman: die Schule als Modell der Gesellschaft, die Familie, der einzelne - stellvertretend. Und doch ist dies keine konstruierte Geschichte, kein Schwarzweißfilm von Gut und Böse, weil Cormier nicht typisiert, sondern Menschen lebendig werden läßt, denen wir gebrochene Sympathie schenken - wie uns selbst.

Am Schluß bringen sie ihn um - fast? Das gute Ende einer bösen, wahren Geschichte, die auf einer simplen Beobachtung beruht: "Er hatte herausgefunden, daß die Welt voll bereitwilliger Opfer ist vor allem in seinem Alter. Niemand will Streit, niemand will Streit verursachen, niemand will eine Kraftprobe. Diese Erkenntnis war eine Offenbarung. Sie öffnete Türen. Natürlich mußte man sich seine Opfer sorgfältig aussuchen, denn es gab auch Ausnahmen "

Die Hoffnung auf diese Ausnahmen, davon erzählt dieser Roman. Es gibt kein besseres Ende. Aus dem Amerikanischen von Inge M. Artl; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1994; 266 S, 12 90 DM