Von Ulrich Schiller

Washington

Zum Greifen nahe waren die Gespenster von Nürnberg, aber nur wenige schienen sie zu bemerken. Schon gar nicht der, der sie in die aufgeheizte Atmosphäre entließ, indem er erklärte: „Dieser Oberstleutnant ficht die Entscheidung seines Oberkommandierenden nicht an ... und wenn mir der Oberkommandierende befiehlt: Stellen Sie sich in die Ecke, machen Sie einen Kopfstand, dann mache ich das.“ So sprach Oliver North vor dem Iran-Contra-Untersuchungsausschuß des Kongresses, am 9. Juli 1987.

Wie ein Stromstoß waren die direkt übertragenen Auftritte des bis dahin unbekannten Mitarbeiters im Stab des Weißen Hauses durch die Lande gefahren. Alle Sicherungen schmolzen. Vor Wonne rieben sich die einen die Schenkel, ahnungsvolles Grausen packte die anderen – so gekonnt verwandelte Oliver North das ihn anklagende Tribunal zu seiner Tribüne. Stahl hatte er im Blick, wenn es galt, die illegalen Waffeneinkäufe für die Contras in Nicaragua, die er aus den Erlösen illegaler Waffenverkäufe an den Iran getätigt hatte, mit einer Welt voller Feinde zu rechtfertigen; bald schimmerte es feucht in seinen Augen, wenn er die patriotischen Motive verteidigte, die ihn bürokratisches Gestrüpp zu befreiender Tat durchschneiden ließen.

Nach viertägigen Anhörungen war „Ollie“ für achtzig Prozent der Amerikaner ein Begriff, bekannter als jeder Politiker. Mit der denkbar wirkungsvollsten Doppelrolle hatte er sich in die amerikanische Seele gespielt: als heldenhafter Daniel in der Löwengrube und zugleich als der Mann aus dem Volk, dem die Mächtigen den Mühlstein der Verantwortung umhängen wollen. Zwar ist er 1989 verurteilt worden, weil er, unter anderem, den Kongreß belogen hatte, weil er Dokumente vernichtet und andere in der Unterwäsche seiner Sekretärin versteckt hatte. Verständnisvolle Richter aber bewahrten Oliver North vor dem Karzer, hoben das Urteil auf, weil der Kongreß ihm für seine Aussage doch schließlich Immunität, wenngleich begrenzt, gewährt hatte.

Nur wenige Jahre später steht Oliver North wieder auf der Bühne. Diesmal betreibt er seine volle Rehabilitierung. Durch den Wähler. Ist es der Gipfel des Zynismus? Ist es die neueste Auflage von „In Amerika geht alles“? Manche Amerikaner vermögen es noch immer kaum zu fassen: Oliver North will Senator werden, in Virginia, in der Heimat Jeffersons, will Mitglied eines zentralen Verfassungsorgans werden, das er voller Verachtung belogen hat.

Sanford Ullman, gleich North Oberstleutnant a.D., ist einer von Hunderttausenden seiner Landsleute, die in Furcht und Scham auf den nächsten Dienstag starren: „Kann dieser Mann Virginia repräsentieren?“, schrieb Ullman an alle Zeitungen des konservativen Bundesstaates, mit dem verzweifelten Zusatz: „Die wahre Tragödie ist nicht, daß dieser würdelose Mann kandidiert. Die Tragödie liegt darin, daß es überhaupt Bürger gibt, die bereit sind, Virginia zu entehren, indem sie für ihn stimmen.“