Von Sibylle Cramer

Hanns-Josef Ortheil führt als Schriftsteller ein Wappen. Wie er es fand, wie das Kind, dann der Halbwüchsige Schritt für Schritt das Familienleben hinter sich läßt, wie der Fünfjährige seinen Autismus überwindet, wie er als Außenseiter zuerst die verhaßte Fibelzeit hinter sich bringt, dann die Langeweile endloser Gymnasialjahre und nach Italien aufbricht, um Schriftsteller zu werden – diese Geschichte von der Auswanderung in die Welt der Kunst und dem Eintritt in den Adel des Geistes ist eine bundesrepublikanische Gralsgeschichte. Parzivals Munsalvaesche ist in diesem Fall Rom. Auf einem Sockel vor Santa Maria sopra Minerva entdeckt Ortheil sein Wappentier: einen Elefanten, der voller Anmut einen ägyptischen Obelisken trägt.

Elefanten gehören seit Walter Höllerers Roman „Elephantenuhr“ (1973) zu den Selbsterkennungszeichen der Literatur. Einer von Höllerers Urelefanten ist der in Rom. Hanns-Josef Ortheil sagt: „mein Lasttier ... über dem Sockel der schriftreichen Werke“. Damit kann er nur sich selbst meinen, die Berge kindlicher Kritzeleien, Tagebücher, Geschichten und Aufzeichnungen, von denen er berichtet hat, namentlich aber seinen fünfteiligen Romanzyklus, der in der Tat eine Ahnung davon vermittelt, welch schwere Aufgabe die Anmut sein kann und wie fremd ein kluger Mann in der Kunst.

Der neuzeitliche Parzival erzählt sein Epos selbst. Staunend sieht Ortheil zurück auf seinen langen Weg zur Sprache und den kurzen zum Erzählen. So werden einst Menschen berichten, wie es sich zutrug, daß ihnen hinter den Spinnwebgardinen ihres Dachbodens ein Bleistift in die Hand fiel, und wie sie das Schreibhandwerk entdeckten und sich unversehens in einer Werkstatt befanden, in der etwas Malerisches entstand: Handschrift. In Ortheils Fall gilt beinahe schon die Gleichung „Sprache + Schrift = Literatur“.

Der Schreibroman ist menschenleer bis auf die Eltern, die „Sprachgeber“. Ihnen huldigt Ortheil mit schönen Bildnissen, die der Sachton des Buches in schützende Distanz rückt. Ortheil-Leser kennen die biographischen Fakten, die Geschichte einer Mutter, die nach grauenhaften Kriegserlebnissen die Sprache verliert und eine unsichtbare Hecke um ihr und das Leben ihres Sohnes zieht. Das Kind lebt in beredtem Schweigen mit der stillen Leserin, an deren Bücherleben er sich mit Buchstabenspielen beteiligt.

Vor dem Eintritt in die Schule greift der Vater ein. Auf langen Wanderschaften durch die Westerwälder Heimat der Eltern erhalten die Dinge einen Namen. Abends wird das Gesehene in Bildern festgehalten, die der Vater beschriftet. So geraten die Worte unter die Obhut des Blicks. Die Ordnung der Wirklichkeit zu „prototypischen Formationen“ hat Hanns-Josef Ortheil vor vier Jahren in dem Essay „Schaulust“ als Ursprung des Imaginären beschrieben. Dort erörtert er stilgeschichtlich, was hier biographisch hergeleitet wird. Die Rotationsmaschine Ortheils hat zu arbeiten begonnen.

Wenn er sich im vorletzten Kapitel über sein Tagebuch beugt und die Eintragungen des ersten römischen Aufenthalts studiert, so ist dies der zweite Durchgang durch die Rom-Episode, jetzt in revidierter Fassung. Derselbe Rundgang verschafft dem Ortheil-Leser das dritte, vierte und fünfte Wiedersehen mit den Schreibanfängen des Autors. Als Beispiel seiner räumlichen Kompositionsmethode hat Ortheil seinen Erstling schon einmal in seinem Essay interpretiert. Jetzt schreibt er die einleitenden Sätze ab und deutet sie als Paradiesgarten-Paraphrase, später erinnert er sich ihrer als Auftakt seiner Romanbiographie, und auf der letzten Buchseite verdoppelt er das Selbstzitat. Nach „Fermer“ wird der ganze Romanzyklus sukzessive rekapituliert. „Das Element des Elephanten“ ist ein Buch der Wiederholungen. Ortheil umkreist Ortheil.