Früher war Urlaubmachen eine schlichte Angelegenheit. Man legte sich irgendwo an den Strand und wartete in aller Ruhe den ersten Sonnenbrand ab. Damit war die Sache an und für sich erledigt.

Doch die Zeiten sind härter geworden. Wir mußten lernen, daß Sonnenbaden mittlerweile erstens gefährlich und darum, zweitens, out ist. Und daß ein gewisser Erschöpfungsgrad, erworben auf pausenlosen Besichtigungseinsätzen, zu Hause uneingeschränkte Bewunderung hervorruft. Wir haben ja bestimmt, fragt der Kollege Z., den Dom besichtigt, die dreiundzwanzig Museen von innen gesehen und waren mindestens einmal in der Oper? Und, das interessiert Kollegin L., natürlich das Geburtshaus des weltberühmten Dichters aufgesucht? Wehe, wenn einem dann nichts einfällt.

Es müssen die notorischen Faulenzer gewesen sein, welche die Tourismusindustrie zu der zweifelhaften Erkenntnis gelangen ließen, daß Ferien weniger der Erholung als vielmehr der Weiterbildung zu dienen haben. Wie sonst ist zu erklären, daß plötzlich selbst im abgelegensten Winkel eine Ortsgröße ausgegraben wird, über deren Wirken wir unbedingt unterrichtet werden, an deren „Spuren“ wir uns heften müssen? Von allein wären wir jedenfalls niemals auf die Idee gekommen, das unscheinbare Kirchlein aufzusuchen, in dem der Heimatpoet Z. eingesegnet wurde, worauf uns das Verkehrsamt mittels Handzettel dringend hingewiesen hat. Auch noch mal eben, soviel Zeit muß sein, in sein bescheidenes Heim gucken, inzwischen selbstredend zum Museum aufgepeppt.

Liegestuhl ade. Wir wandeln jetzt, immer die anschließende Berichterstattung im Hinterkopf, auf Lehrpfaden. Sollten wir zum Beispiel nach Hessen kommen, begeben wir uns schnurstracks auf die „Spuren historischer Fachwerkstädte“. Wir dehnen den Schleswig-Holstein-Trip bis nach Mecklenburg-Vorpommern aus, damit sich uns „auf den Spuren Ernst Barlachs“ der gesamte Wirkungskreis dieses Künstlers eröffnet.

Da sich Bildungshunger nicht nur auf den eigenen Sprachraum beschränken darf, kann auch ein Trip ins ferne Amerika ausgesprochen erfolgreich sein. Was suchen wir also in Memphis, Nashville und New Orleans? Klar: die „Spuren des Jazz“. Worauf wandeln wir in Zypern, Jordanien und Oman? Richtig: „Auf den Spuren der Weltreligionen“.

Wir hätten noch die „Spuren der Beatles“, die „Wege zum Weinwissen“ und ähnliches mehr abzuklappern. Jedoch, man kann nicht überall sein, auch wenn wir es künftig versuchen wollen. Wo immer berühmte und weniger berühmte Leute im Laufe der Jahrhunderte sich arglos hinbegeben haben – wir folgen ihnen. Gnadenlos. Thomas Mann, die Bremer Stadtmusikanten, Emil Nolde? Abgehakt! Schließlich müssen wir nach den Ferien was zum Erzählen haben.

Nur manchmal noch, im stillen Kämmerlein beim Betrachten unserer schiefgelaufenen Hacken, beschleicht uns eine unerklärliche Sehnsucht nach Liegestühlen, Sonnenbräune und Faulenzen. Doch wie das so ist mit dem Trend: Er bestimmt die Richtung, und wir spuren. Brigitte Wolter