Von Iris Mainka

Es geschah bei der einhundertdreiundsechzigsten Lesung, daß Hera Lind beinahe so etwas wie einen Heiratsantrag erhielt. Und das kam so.

Die siebenunddreißigjährige Bestsellerautorin hatte sich anläßlich ihres abendlichen Vortrags auf einem Tisch („Wir sind ja ganz unter uns“) im Bürgersaal des Städtchens Gehrden, nahe Hannover, niedergelassen. Die Herzen der rund zweihundert weiblichen und genau vier männlichen Zuhörer waren ihr in den vergangenen eineinhalb Stunden ohne Zwischenlandung zugeflogen. Man hatte die attraktive Autorin vom sahnebonbonfarbenen Rollkragenbody obenrum über die ähnlich gut sitzenden beigefarbenen Jeans untenrum bis hin zu den Stiefeln im Cognacton zunächst kritisch beäugt. Hatte sich schon nach wenigen Lesungsminuten schwesterlich vergnügt in die Rippen gepufft. Und hatte schließlich laut lachend und klatschend sogar die Gedanken an den Babysitter daheim beiseite geschoben. Jetzt durfte man mit ihr reden und seiner Sympathie für diese Frau wie du und ich freien Lauf lassen.

Ja, und da war sie, die Frage, die ihr, Hera Lind, so schön formuliert noch niemand in all den Lesungen je gestellt hatte: „Werden wir jetzt gemeinsam alt, ich meine, mit Ihren Büchern?“

Um die ganze Tragweite dieses Satzes ausloten zu können, muß man freilich Näheres wissen. Zum Beispiel, daß die drei Romane, die Frau Lind bisher geschrieben hat, unverkennbar autobiographische Züge tragen. Folglich könnte auch der nächste, mehr oder weniger indirekt, Begebenheiten aus dem Leben der Hera Lind alias Herlind Wartenberg verraten.

Ihre Bücher kommen in einem vertraulich plaudernden Lästerton daher, den giggelnde Busenfreundinnen untereinander pflegen. Und sie zählen zu jener witzig-selbstironischen Unterhaltungsliteratur, die seit einigen Jahren eine breite Erfolgsschneise in das Frauenbuchgenre schlägt. Es fing an mit Eva Hellers 12,80-Mark-Roman „Beim nächsten Mann wird alles anders“, der inzwischen die Traumauflage von 1,65 Millionen erreicht hat; er erschien 1987 in der Fischer-Taschenbuchreihe „Die Frau in der Gesellschaft“ und fügte den bis dahin dort verlegten frauenbewegten Sachbüchern, Lebensgeschichten und literarischen Texten eine neue Variante hinzu. Die naserümpfende Kritik, die Lektorin Ingeborg Mues für ihren Seitensprung ins Unterhaltungsfach natürlich auch einstecken mußte, wurde vom Klingeln der Kassen bei weitem übertönt. Fortan schwemmte auch aus anderen Verlagen eine ganze Welle weiblicher Emanzipationskomödien wechselnder Qualität auf den Buchmarkt. Die Zeit war offenbar reif für diesen Feminismus light. Eine eher pragmatisch als kämpferisch gestimmte Frauengeneration, des Seufzens und Stöhnens leid, schien auf deren kalauernden, mitunter auch satirischen Humor geradezu gewartet zu haben.

Als Hera Lind auf der Buchmesse 1988 der Fischer-Lektorin ihr Erstlings-Manuskript mit den Worten „Das ist besser als Eva Heller!“ in die Hand drückte, war das Feld also schon bereitet. Autorin Heller stand dabei unerkannt in Hörweite, was zur kollegialen Feindschaft zwischen den beiden Frauen beigetragen haben mag. Andererseits ist es freilich eine nette Anekdote, die vor Publikum preiszugeben Hera Lind sich nicht nehmen läßt.