Die ersten drei Schritte führen natürlich nach links: Die "Dame vor dem Herrn, der Herr nimmt die Hände der Dame, welche in Brusthöhe geschlossen gehalten werden . Es folgen nun vier Steigeschritte, in den Hüften wiegend. Jetzt linker Fuß vorn auf der Spitze, dann seitwärts auf der Spitze und nach hinten, dabei ein wenig einknicken. Dann dasselbe mit der rechten Fußspitze ausführen Und nun alle dasselbe noch einmal: Tanz den Bolschewik!! Zwar hatte der neue Gesellschaftstanz, anno 1919 choreographiert und propagiert von der Hamburger Ballettmeisterin Rosel delJano, nur eine kurze kuriose Blüte: Er war rhythmisch nicht halb so revolutionär wie der amerikanische Ragtime, und außer der zitierten Schrittfolge sowie zwei überlieferten "Bolschewiki" Notenblättern gibt es dazu keine weiteren Belege. Immerhin hat Eckhard John jetzt herausgefunden, daß das Tänzchen just in demselben Jahr aktuell war, in dem auch in der Musikkritik das Modewort "Musikbolschewismus"

aufkam. Und außerdem war der "Bolschewiki"

Tanz, so John, der einzige Fall, bei dem wenigstens einmal "versucht wurde, den Bolschewismus Begriff positiv zu besetzen". Das ist das Schöne an den hochspezialisierten geisteswissenschaftlichen Dissertationen heutzutage: Sie kämmen gründlich auch noch die entlegensten Winkel der Geschichte durch und fördern dabei die erstaunlichsten Erkenntnisse zutage.

"Musikbolschewismus" ist für den Autor nicht einfach nur ein polemischer Kampfbegriff wider die Avantgarde, historisch erledigt und damit abgetan. Er spricht von einer komplexen "Denkfigur", von den "auf Musik bezogenen Ängsten und Wünschen", die sich darin spiegeln, sowie von ihren heillosen Implikationen, die er verfolgt vom ersten Auftreten des Begriffs bis hin zu seinen allerjüngsten Auswirkungen und Umkehrungen: bis hin zur "musikalischen Atombombenpolitik" (Ostberlin, 1957) oder zu dem "Zwölfton Faschismus" (Wien, 1960) oder aber bis zu der vielgelesenen Broschüre von Peter Jonas Korn über "Musikalische Umweltverschmutzung" (Wiesbaden, 1970), die nichts weiter gewesen sei als eine gefährlich flammende Brandrede wider die Neue Musik. Kürzlich, nach dem Zusammenbruch des Sozialismus, hat sogar "das Originalvokabular eine Reprise" erlebt: In einem Schweizer Blechbläser Journal (1991) fand John grob archaische Beschimpfungen wider Arnold Schönberg, Anton von Webern und andere Vertreter der Neuen Wiener Schule, die neuerdings wiederals kommunistisch totalitär, krankhaft und impotent bezeichnet und noch posthum "nackt auf den Marktplatz" getrieben werden sollen.

Damit hört das Buch auf. Es fängt an mit dem berühmten Wiener "Watschenkonzert" vom 31. März 1913, in dem es zwischen den Gegnern und Anhängern Schönbergs zu Handgreiflichkeiten kam. Bereits zu diesem Zeitpunkt gingen in der konservativen Musikkritik eine Reihe von pathologischen und politischen Begrifflichkeiten um: Die atonale Musik wurde, als Aufhebung der quasi "natürlichen" Ordnung der Töne und als eine diffuse existentielle Bedrohung des Status quo, mit überaus starken Worten abgewehrt. Krank, wahnsinnig und impotent, entartet, unrein und undeutsch - das war bereits vor dem Ersten Weltkrieg das handelsübliche Vokabular wider die Avantgarde und schoß nach dem Kriege dann mit einem Schlag in dem neuen Modewort zusammen: "Musikbolschewismus". Ein Musikbolschewist mußte weder Russe sein noch Jude, Ausländer, Kommunist MH oder Sozialdemokrat. Er konnte atonal oder tonal komponieren oder aber in Nachtbars jazzen, auch darauf kam es am Ende gar nicht an "Musikbolschewismus", das bedeutete erstens ganz allgemein: Umsturz und Infragestellung des Bestands. Zweitens dann: Fremde.

Alle übrigen Konnotationen dieser "Denkfigur" waren je nach Zeit und Ort verschieden, mehrdeutig und widersprüchlich. John hat zusammengetragen und auseinandergenommen, was er nur finden konnte, hat dabei auch die unsichtbaren Kriechströme quer durch alle Fronten nicht übersehen. Das reicht von den "sexistischen Grundlagen des Geniebegriffs" bei Hans Pfitzner bis hin zu dem Umstand, daß die Emanzipation der Dissonanz direkt in Verbindung gebracht wurde mit dem Emanzipationskampf der Frauenbewegung; vom revolutionären "Melos" Kreis über den Fall der Krolloper bis hin zur ersten Reichstagsdebatte zum "Kulturbolschewismus. Die meisten Daten und Zitate, die John anfuhrt, sind bekannt. Neu und erstaunlich ist, wie leicht sie sich auffädeln lassen auf diesen einen roten Faden.

Man wundert sich, wenn man erfährt, daß just in diesem Falle die Musik, sonst stets das Schlußlicht aller schönen Künste, ausnahmsweise einmal erste war. In der Musik fing es früh an: Als musikkritische "Denkfigur" wurde der Begriff "Musikbolschewismus" bereits zwischen der Novemberrevolution 1918 und den Märzaufständen 1919 "erfunden". Das war rund zehn Jahre, bevor er dann erweitert zum Begriff "Kulturbolschewismus" Karriere machte, heute ist er nur noch als zentraler Propagandabegriff im "Dritten Reich" geläufig "Das ist auch nicht falsch", schreibt John, "und jeder meint zu wissen, was gemeint ist: atonale Musik, oder Jazz, oder was auch immer " Beim "Was auch immer" wird die Sache allerdings erst so richtig interessant.