Ein Leiden tritt dem andern auf die Fersen, so schleunig folgen sie“ – also spricht die Königin im „Hamlet“, wenn die arme, irre Ophelia im Bach ertrunken ist.

Wer Lust darauf hat, einen nassen Tod (und eine See von Plagen) zu besichtigen, der wende seinen Blick auf unser noch immer berühmtestes Theater, die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz. Ein Unheil tritt dort dem andern auf die Fersen, so schleunig folgen sie.

Alles Elend begann, wie so oft im Leben, mit einer schönen, verwegenen Idee: Ausgerechnet das so gut wie vergessene Schauerdrama „Blunt oder Der Gast“ von Karl Philipp Moritz wollte man zur Aufführung bringen, Andrea Breth inszenierte, die Schauspielerkönige Buhre und Minetti sollten die Hauptrollen spielen.

Ein paar Tage vor der Premiere die Absage. Man habe, teilte das Theater mit dem ganzen Stolz der wahrhaft Verzweifelten mit, leider nichts zustande gebracht, was eine Premiere rechtfertige.

Die Schaubühne seitdem: ein Theaterdampfer in Seenot. Vor dem Untergang bewahrt allein durch einige Schauspieler (Libgart Schwarz, Tina Engel, Ulrich Matthes), die mit allerdings sehr aparten Soloabenden die Illusion eines Spielplans aufrechterhalten.

Das einzige Großprojekt des Theaters (eine Viereinhalbstundenreise durch Goldonis „Trilogie der Sommerfrische“) erreichte zwar mit Not seine Premiere, ging dortselbst aber jammervoll unter. Die Bühne schwamm und schaukelte im Wasser, Feuerwerke detonierten, Wolkenbrüche stürzten nieder, Schaubühnenschauspieler planschten durch die Fluten und fuhren Boot. Aber das Ensemble (das den Regisseur des Spektakels, Erik Vos, weggeschickt hatte) erreichte nicht die Gestade einer göttlich-melancholischen Komödie, sondern strandete am verkommenen Ufer eines schwitzenden, grimassierenden Spaßtheaters.

Und nun? Und nun werden wir unerschütterlichen Liebhaber der Schaubühne durch die Nachricht aufgeschreckt, der Dramaturg Dieter Sturm werde, nach dreißig Jahren, das Haus verlassen und zu Peter Stein und den Salzburger Festspielen emigrieren – ausgerechnet Sturm, der immer viel mehr war als bloß ein Dramaturg, wahrscheinlich der heimliche Herrscher der Schaubühne. Als den „Geheimen“, den „verborgenen Lehrer“ hat ihn Botho Strauß 1986 in dieser Zeitung gefeiert, als „Meister im esoterischen Zirkel, der in unserem Fall zwar keine Lehre verkündet, wohl aber seine Zuhörer verführt in die Labyrinthe seines unergründlichen Gedächtnisses“.