Vorhang auf zum letzten Akt! Das kosmologische Drama um die „Hubble-Konstante“ neigt sich seinem Ende zu. Dabei geht es vordergründig um eine einfache Zahl. Doch in Wahrheit steht der Urknall selbst im Mittelpunkt der Handlung.

Für alle, die das Stück bisher (siehe ZEIT Nr. 24, 1993) verpaßt haben, sei kurz wiederholt, daß die Hubble-Zahl direkt mit dem Alter des Universums verbunden ist. Und möglicherweise stehen die Astronomen vor dem Paradoxon, daß das All jünger ist als seine ältesten Sterne. Solch offenkundige Unmöglichkeiten sind immer lästig, besonders aber in der logischen Wissenschaft. Kein Wunder, daß die Astronomen darüber seit mehr als zwanzig Jahren im Streit liegen. Dabei begann die ganze Geschichte so vielversprechend:

Als Edwin Hubble in den zwanziger Jahren entdeckte, daß ferne Galaxien sich um so schneller von uns wegbewegen, je weiter sie entfernt sind, schloß er, daß unser Universum sich anscheinend aufbläht wie ein riesiger Luftballon. Umgekehrt ergab sich daraus, daß irgendwann einmal alle Materie in einem Punkt vereinigt war: Die Urknall-Theorie war geboren. Das Maß für die kosmische Expansionsbewegung (und damit auch für das Alter des Universums) lieferte die „Hubble-Konstante Ho“, jene Zahl, die immer den annähernd gleichen Wert annahm, wenn die Geschwindigkeit verschiedener Galaxien durch ihre jeweilige Entfernung geteilt wurde.

Doch um die exakte Messung von H0 tobt seit Jahren ein erbitterter Streit. Nach Hubbles Tod erhielt sein Schüler Alan Sandage für seines Meisters Konstante einen Wert von rund 50 und berechnete daraus ein Weltenalter von fünfzehn bis zwanzig Milliarden Jahren. Doch in den siebziger Jahren erschien der Rebell Gérard de Vaucouleurs auf der Astro-Bühne und behauptete, die Hubble-Konstante betrage in Wahrheit 100 und das Universum sei weniger als zehn Milliarden Jahre alt – der „Hubble-Krieg“ begann.

Brisant wurde die Kontroverse vor allem deshalb, weil sich aus den thermonuklearen Reaktionen im Inneren der Sterne recht genau ein Weltenalter von etwa sechzehn Milliarden Jahren ablesen läßt. Wie jedoch sollen die ältesten Sterne seit sechzehn Milliarden Jahren brennen, wenn das Universum keine zehn Milliarden existiert?

Zum Leidwesen konservativer Astronomen schienen in den letzten Jahren jedoch immer mehr Meßergebnisse auf einen Wert um die 80 hinzudeuten. Und schließlich kam in den vergangenen Wochen der große Paukenschlag: Zuerst ergaben neue Beobachtungsdaten vom weltgrößten Bodenteleskop auf Mauna Kea in Hawaii eine Hubble-Zahl von 87. Und vor kurzem (Nature, Band 371, S. 757) wurden die mit Spannung erwarteten Ergebnisse des Hubble-Space-Teleskops veröffentlicht. Dieses hatte zwanzig veränderliche Sterne in unserem nächstgelegenen Galaxienhaufen, dem Virgo-Cluster, vermessen und daraus H 0 zu „80 ± 17 km/(s x Mpc)“ bestimmt. Damit wäre das Universum lächerliche acht Milliarden Jahre jung.

Doch kein großes Theater ohne den heroischen Kampf gegen ein scheinbar übermächtiges Schicksal. Auch Alan Sandage hat das Hubble-Teleskop genutzt: Er und seine Mitstreiter messen damit wie eh und je eine Hubble-Konstante von rund 50. In den Schlußszenen wird es daher um die Frage gehen, prophezeit das Fachblatt Nature, welche Gruppe systematischen Fehlern aufgesessen ist. Läßt sich das klären, könnte bald der Vorhang vor dieser Kontroverse der Experimentatoren fallen.

Dann dürfen wir uns auf ein neues Stück freuen: Wie soll der neue Wert gedeutet werden? Behauptet sich die „hohe“ Hubble-Konstante, dann ist entweder die Theorie der Sternentwicklung falsch, eine neue, noch unbekannte Kraft im All übersehen worden oder das Urknall-Modell selbst revisionsbedürftig. Bühne frei für Theoretiker! Ulrich Schnabel