Eine alte Faustregel besagt: Je höher der Zins für kurzfristige Geldanlagen eines Landes, um so stabiler ist unter normalen Bedingungen der Wechselkurs seiner Währung. Die Logik dieses Lehrsatzes liegt auf der Hand: Wenn etwa für Dreimonatsgeld in Dollar höhere Zinsen geboten werden als in Mark, besteht eine größere Nachfrage nach Termineinlagen in Dollar. Folglich müßte der Kurs der US-Währung steigen.

Die jüngste Kursentwicklung an den Devisenmärkten scheint diese Regel jedoch Lügen zu strafen. Im August 1993 kletterte die Rendite für Dreimonatsgeld in den Vereinigten Staaten erstmals seit Jahren über das Niveau für vergleichbare Yen-Anlagen. Trotzdem verzeichnete der Greenback gegenüber dem Yen nach einem kurzen Kursanstieg weitere Wertverluste. Ähnlich erging es dem Dollar wenig später im Verhältnis zum Schweizer Franken. Und gegenüber der Mark hat der Dollar seit Jahresbeginn rund 25 Pfennig eingebüßt, obwohl sich der Zinsvorteil der DM-Anlagen rapide verringert hat und zuletzt sogar in einen Nachteil umschlug.

An Versuchen fehlt es nicht, die Ausnahme von der Regel zu erklären. Die US-Notenbank habe nicht energisch genug die aus dem kräftigen Wirtschaftswachstum resultierenden Inflationsgefahren bekämpft, glauben die einen. Zwar habe das Federal Reserve Board bereits viermal in diesem Jahr die Leitzinsen erhöht, das reiche jedoch nicht aus, um den Dollarkursverfall zu stoppen, glauben etwa die Experten der Deutsche Bank Research GmbH. „Der Dollar wird so lange fallen, bis die US-Währung und Dollaranlagen so billig werden, daß mehr privates Kapital in Dollaranlagen fließt, als die USA an ausländischen Finanzmitteln benötigen. Diesen Punkt haben wir bei weitem noch nicht erreicht“, so Bronwyn Curtis von der Deutschen Bank in London.

Heinrich Looser, Mitglied der Geschäftsleitung der Bank Julius Bär in Zürich, macht den amerikanischen Präsidenten für den Dollarkursverfall verantwortlich. Die Regierung von Bill Clinton habe seit ihrem Amtsantritt im Januar 1993 innen- und außenpolitisch vor allem Führungsschwäche gezeigt und dadurch bei internationalen Investoren Vertrauen verspielt. „Gegenüber dem Schweizer Franken hat der Dollar schon jetzt ein gefährlich niedriges Niveau erreicht“, meint der Schweizer Banker. Einen Durchbruch zu neuen Tiefständen hält Looser nicht für ausgeschlossen. Wegen der großen Unsicherheit über die weitere Entwicklung verursacht derzeit jede neue Nachricht erhebliche Stimmungsschwankungen. In der vergangenen Woche sackte der Wechselkurs des Greenback in Erwartung hoher Wachstumsraten im dritten Quartal 1994 kräftig nach unten. Obwohl sich die Erwartungen (3,4 Prozent Wachstum) dann bestätigten, schöpften die Börsianer neue Hoffnung aus der jüngsten Teuerungsrate. Mit 1,6 Prozent sei die Inflation eher zahm geblieben, meinten die Finanzjongleure und trieben mit prompten Wertpapierkäufen Aktien- und Anleihekurse in die Höhe.

Während das Rätselraten um die künftige Preisentwicklung in den USA noch eine Weile andauern dürfte, stehen die politischen Erklärungsversuche der Dollarschwäche schon bald auf dem Prüfstand. Wenn sich nach den kommenden Wahlen in Washington Regierung und Kongreß wegen veränderter Mehrheitsverhältnisse im Senat und im Repräsentantenhaus gegenseitig blockieren, droht an den Devisenmärkten ein weiterer Vertrauensverlust für den Dollar.