In der Mop Street in London könnte man leicht den richtigen Hauseingang verpassen. Graubrauner Backstein an graubraunem Backstein, Haus um Haus. Den kleinen Martin stört das nicht, "er wohnte einfach hier". Wobei "einfach" den Großvater Mr. Drivic einschließt, ein Wohnzimmer mit Fernseher, Tisch und zwei Stühlen, eine verdreckte Küche, die Toilette unter einem angebauten Verschlag und zwei kalte Schlafzimmer im ersten Stock.

Nicht weniger einfach verrinnen die Stunden des Zehneinhalbjährigen. Als akribischer Tagebuchführer gewährt er dem Leser Einblick: "Ich stand auf. Ich holte die Milch rein. Ich aß die Frühstücksflocken. Ich ging zur Schule. Ich kam heim Und so weiter. Entsetzlich.

Die im amerikanischen Bundesstaat Georgia lebende Autorin Patricia Windsor erzählt in ihrem Roman mit dem etwas umständlichen deutschen Titel "Die Sache mit dem Haß und der Liebe" (Original: "Mad Martin") die Geschichte eines Jungen, dem die Gefühle abhanden gekommen sind.

Ihr kleiner Held Martin sitzt in der Schule und ist doch nicht da. Er wird geschlagen und ignoriert den Schmerz. Er legt zu Füßen des Großvaters alte Puzzleteile zusammen und wartet auf irgend etwas. Aber da kommt nichts. Martins Welt besteht aus Schweigen, Leere und Kälte. Das schöne daran: Ihm ist es egal, auch wenn manchmal ein "dumpfes, unbehagliches Gefühl" bohrt.

Im wahren Leben endet derartiger Leerlauf in Gewaltausbrüchen oder depressiver Resignation, es sei denn da geschieht etwas Unerwartetes. Und so muß Mr. Drivic nach einem Unfall für längere Zeit ins Krankenhaus und Martin zu einer Pflegefamilie, den Crimps. Hier beginnt seine Haß- und Liebeslehre.

Was Martin in der verbitterten Zweisamkeit mit dem Großvater mühelos gelang, wird mit einem Mal unmöglich. Die vier Crimpschen Sprößlinge stellen Fragen und erwarten Antworten. Sie reißen Witze, und er soll lachen. Alle wollen etwas von ihm, er kann sich nicht mehr zurückziehen. Trotz seines Widerwillens spürt Martin plötzlich Dinge, die ihm fremd sind, für die er keine Namen kennt. Erst als er zu dem fast gleichaltrigen Charlie Crimp Vertrauen faßt, sein stoisches Schweigen bricht und redet, füllen sich Begriffe wie Haß und Liebe mit Inhalt. Er entdeckt die feinen Nuancen zwischen "echtem Haß" und "Alltagshaß", er wird kundig über "verschiedene Sorten Liebe".

Patricia Windsor beobachtet Martin auf seinem verwirrenden, schweren Weg 1 aus der Entfernung, aber die Intensität und Poesie der kleinen Episoden fällt ihrer Distanz nie zum Opfer. Der Roman lebt vom Charme der schlichten Schilderung und der naiven, aber treffenden Logik kindlicher Schlußfolgerungen. Die Autorin legt die narbige Vergangenheit von Martin bloß, ohne ihn zum mitleiderregenden Außenseiter zu stempeln. Er sieht nun zwar die Vorzüge des - auch nicht immer - heilen Familienlebens, aber die knurrige Bärbeißigkeit seines Großvaters bleibt ihm doch viel näher. Daß der durch die Trennung auch dazulernt, versteht sich. Nur was? Am Ende sitzen Enkel und Großvater im Wohnzimmer in der Mop Street und schweigen. Wie immer. Aber doch nicht ganz. Jetzt wird alles anders, das fühlen beide.