ndianer und Indianer sind zweierlei. Einmal gibt es die Sagenfiguren, die Romanhelden und Segeberger Jahrmarktspuppen, die Männer mit den Wildlederanzügen, den wallenden schwarzen Haaren unter dem Adlerfedernbusch. Wahlweise als hinterhältige Siedlerfeinde, gemeine Skalpjäger und Marterpfahl Sadisten oder als edle Wilde mit ebenso rüden Riten wie schmerzunempfindlichen Körpern und großen Herzen.

Und es gibt da die anderen: Hunderte von verschiedenen Volksstämmen, die vor ihrer nahezu restlosen Ausrottung durch die europäischen Siedler und die durch sie eingeschleppten Krankheiten den Kontinent überzogen und deren Lebensweisen so unterschiedlich waren, wie es ihnen die Vielfalt ihrer Umwelt vorschrieb. In der arktischen Kälte Alaskas oder Labradors entwickelten sich andere Stammesstrukturen als in der trockenen Bruthitze Arizonas; in der wildreichen Prärie zwischen Mississippi und Rocky Mountains ist die Erbschaftsfolge anders geregelt als in den Sümpfen Floridas; an den Seen und in den Wäldern des Nordostens bildeten sich andere Jagd- oder Anbautechniken als an der Küste Kaliforniens.

Einen Atlas kann man nicht von A bis Z lesen. Er steht im Bücherregal auf mittlerer Höhe, damit er im Bedarfsfall gut zu fassen ist. Der tritt häufiger ein, denn ein Atlas ist nicht nur zuverlässig, er hilft auch zur Orientierung. So sein Anspruch. Ein Bildatlas polstert die Verbindlichkeit räumlicher Zuordnung zusätzlich mit Illustrationen aus "Der große Bildatlas Indianer" bietet noch mehr. Auf 250 Seiten schafft er Orientierung, lehrt zu unterscheiden (wo die Apachen wohnten und wo die Irokesen, wo die Sioux), zeigt auf historischen und aktuellen Photographien, wie sie lebten und aussahen und welche Geräte und Utensilien die Indianer verwendeten. Die Phantasie kann so spie len und die verschiedenen Gegenstände kombinieren - zu eigenen Bildern vom Alltagsleben in den indianischen Dörfern.

Gemäß einer gängigen Unterscheidung sind die indianischen Stämme Nordamerikas neun verschiedenen Kulturregionen zugeordnet, deren Geschichte von je einem Text rekapituliert wird. Diese Kapitel sind beschwerlich zu lesen, ihre Sprache folgt mehr den Erfordernissen wissenschaftlicher Präzision als jenen der Sinnlichkeit oder Lesefreündlichkeit. Aber das muß wohl so sein, einen Atlas liest man schließlich nicht von A bis Z. Diejenigen, die sich die Mühe machen, etwas genauer wissen zu wollen, werden dafür mit differenzierten und genauen Informationen belohnt. Die anderen können sich an seinen grandiosen Illustrationen und Photographien sattsehen. George Catlin gehört zu jenen Abenteurern, die schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre warmen Öfen aufgaben, um sich im Wilden Westen umzuschauen und Zeugnis von den Lebensweisen der vor der Ausrottung stehenden indianischen Bewohner abzulegen. Nachdem Catlin eine Gesandtschaft von Indianern in Philadelphia gesehen hatte, war er fasziniert von ihrer stoischen Würde und natürlichen Grazie und beschloß, die Indianer und ihre Kultur zu seinem Modell zu machen. Er verkaufte seine Habe und reiste zwischen 1832 und 1840 durch das Indianerland, er besuchte 48 Stämme und malte über 500 Ölgemälde: Portraits in Originaltrachten, Ansichten von Landschaften und Dörfern, Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs. Dafür kennt man ihn. Seine Malerei verschaffte ihm den Ruf eines großen Medizinmanns, der Menschen verdoppeln könne, und damit den Zutritt zu den unterschiedlichsten Zeremonien und Riten. Sein Bericht zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Ouellen über das Stammesleben und die Religiosität der PrärieIndianer. Geschrieben ist Catlins anschaulicher Reisebericht mit größter Sympathie für die indianischen Lebensstile und echtem Bemühen um Einfühlung und Verständnis. Dabei sind auch ihm schwere Fehleinschätzungen unterlaufen, beispielsweise über die Rolle der Frau in den meist matrilinearen Stämmen mit ihrem chronischen Frauenüberschuß. Catlin sieht Männer mit mehreren Frauen zusammenleben, die alle arbeiten, und schließt messerscharf, die Frau sei die rechtlose Sklavin des Mannes. Aber Catlin ist kein Missionar des Christentums und auch kein Abgesandter der Aufklärung, der die Mythen zerstören will. Seine Aufgabe sieht er in der Beobachtung und Aufzeichnung. Daß er zudem die Indianer bei ihren Forderungen gegenüber der US Regierung unterstützen wollte und damit scheiterte, daß von den Kulturen, die er schilderte, nicht viel übriggeblieben ist, das erhöht noch - ungewollt - die Bedeutung des Berichts und macht ihn zum großen Abgesang. Stefan Hentz Aus dem Englischen von Werner Patermann, Orbis Verlag, München 1994; 250 S , 39 90 DM , Herausgegeben von Ernst Bartsch, Edition Erdmann im Thienemanns Verlag, Stuttgart Wien 1994; 336 S, 42- DM