Von Jürgen Krönig

Wie Botschaften aus einer längst vergangenen Welt klingen die Nachrichten auf Radio 4, dem nach wie vor ungewöhnlich populären Vorzeigeprogramm der BBC. Wären die News nicht hochaktuell, könnte man sich ins gute alte England vor Thatcherismus und Anbruch der Medienrevolution zurückversetzt fühlen: perfekt intoniertes Queens-English, kühl-präzise, souverän, verläßlich, ein bißchen von oben herab – typisch Establishment eben. Und die BBC verstand sich – und versteht sich wohl immer noch – als Teil dieses schwer zu definierenden Konglomerats der „Großen und Guten“ des Landes.

Dabei ist das goldene Zeitalter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks überall längst vorüber. Doch ausgerechnet „amtie“, die betuliche „Tante“ BBC, hat die Stürme entfesselter Kommerzialisierung, mit leichten Blessuren zwar, aber insgesamt doch erstaunlich gut überstanden. Eine Anomalie im Zeitalter von Satellit, Kabel und digitaler Technologie für jene, die aus technischen Möglichkeiten medienpolitische Zwangsläufigkeiten ableiten. Für die Gegner einer rein ökonomistischen Medienpolitik wiederum ist sie ein Beispiel, das Mut macht.

Schließlich sieht sich die „Mutter“ aller öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten seit fünfzehn Jahren einer besonders gefährlichen Allianz gegenüber: den politischen Exekutoren neokonservativer Ideologie und der geballten Medienmacht eines Rupert Murdoch. Von Beginn an hatten Thatcher-Revolutionäre Pläne für die Zerschlagung des öffentlich-rechtlichen Kolosses geschmiedet. Murdochs Zeitungen leisteten Schützenhilfe, feuerten eine Breitseite nach der anderen gegen die BBC: zu links, zu unpatriotisch – zumal während des Falkland- und des Golfkrieges, überbesetzt, zu teuer, ein bürokratischer Moloch voll arroganter, selbstgerechter Schnösel in Nadelstreifen. Ganz unverzeihlich: Die Bolshevik Broadcasting Corporation, so die ritualisierte Beschimpfung auf allen Tory-Parteitagen, finanziert sich auch noch durch die „Zwangsabgabe“, durch Gebühren also, die als unvereinbar mit geheiligten Marktprinzipien gelten.

Niemand hat die Abneigung gegen die ,,arrogante Kulturelite“ schärfer formuliert als Rupert Murdoch: Er warf der BBC vor, sie maße sich die Entscheidung darüber an, was fürs gemeine Volk richtig sei, und lasse sich „ihre elitären Bildungshobbies“ durch die Gebühren der von ihr verachteten Massen finanzieren. Der Gründer der BBC, John Reith, hat den Aufstieg des Medientycoons, der sich als Befreier des nach Unterhaltung dürstenden Volkes vorstellt, nicht mehr erlebt. Aber vielleicht schwebte ihm eine Figur wie Murdoch vor, als er in den fünfziger Jahren schrieb: „Derjenige, der sich rühmt, dem Volk zu geben, wonach es verlangt, schafft eine fiktive Nachfrage nach niedrigeren Standards, die er dann befriedigen wird.“

Nicht zu übersehen sind die Ähnlichkeiten zwischen der BBC und einer anderen britischen Institution im Belagerungszustand, nämlich der Monarchie. Beide sind Produkte der Vergangenheit. Existierten sie nicht bereits, würden sie heute wohl nicht mehr geschaffen. Beide Institutionen haben nicht zuletzt deshalb überlebt, weil die Überzeugung überwiegt, daß es ohne sie schlechter aussähe.

Die BBC braucht vorerst nicht mehr zu zittern – die Regierung hat die Royal Charter, die Sendelizenz, die 1996 ausgelaufen wäre, im Frühjahr dieses Jahres um zehn Jahre verlängert. Öffentlich-rechtliche Anstalten in Deutschland mögen ob der abrupten Wende einer feindseligen Regierung vor Neid erblaßt sein. Nicht nur sind die Pläne in den Schubladen verschwunden, die BBC zu zerschlagen und sie auf kulturelle „Ghettoprogramme“ zu beschränken. Auch die Gebühren werden vorerst nicht in Frage gestellt. Es gebe „zur Zeit keine bessere Methode der Finanzierung“, stellte die Regierung fest.