Mölln, Mühlenstraße 9

Am 23. November 1992 starben drei Türkinnen bei einem Brandanschlag, der von „Heil-Hitler“-Rufen begleitet wurde. Die ganze Welt war entsetzt. Wie sieht es aus in der Stadt, zwei Jahre danach? Ein Bericht und – auf der nächsten Seite – ein Gesprächsprotokoll: Ein Verurteilter und seine Eltern

Hier soll es gewesen sein? Wenn man es nicht wüßte, man sähe es nicht. Das Bild eines ausgebrannten, rußgeschwärzten Hauses war als Symbol deutscher Fremdenfeindlichkeit um die Welt gegangen. Heute, zwei Jahre danach, ist das Dach neu gedeckt, ist die Fassade rekonstruiert und weiß getüncht, kriecht im Inneren der Fliesenleger herum; bald werden die Badezimmer frisch gekachelt sein. „Wiedererrichtung des Wohnhauses Mühlenstraße 9“, verkündet eine große Tafel, „im Rahmen der Stadterneuerung wird diese Maßnahme gefördert mit öffentlichen Mitteln des Landes Schleswig-Holstein und der Stadt Mölln.“ Dazu die Namen des Architekten, der beteiligten Firmen.

Am Baugerüst kein Schild, auf dem stünde: „In der Nacht zum 23. November 1992 mußten hier Bahide Arslan (51), Yeliz Arslan (10) und Aise Yilmaz (14) sterben, weil sie Türkinnen waren. Sie schliefen, als die Brandstifter kamen.“

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Bald, sehr bald wird das Haus zu beziehen sein, und dann wird man es jenen Mitgliedern der Familie Arslan anbieten, die das Feuer überlebt haben. Jenen, die in diesem Haus die qualvollsten Minuten ihres Lebens durchlitten, die hier Mutter, Tochter und Nichte verloren. Ja, im wiederhergestellten Haus wird alles wieder gut sein. Das Haus wird schöner sein, als es je war...

Neben dem Haus führt ein kleiner Gang von der Mühlenstraße zum Wasser, über eine hölzerne Brücke hinweg in den Kurpark. Der Rasen dort ist penibel vom Laub befreit, Gärtner ackern in den Blumenbeeten, eine Großmutter bringt ihrem Enkel das Entenfüttern bei. Weiche, herbstliche Sonne fällt auf die Bänke. Alles in Ordnung, alles sauber, alles friedlich und ruhig – das ist Mölln. So schön ist Mölln.

Der schmale Fußweg vom Türkenhaus zum deutschen Grün führte dieser Tage bis in die Fernsehmagazine. Die Möllner Grünen hatten vorgeschlagen, ihn Bahide-Arslan-Gang zu nennen, nach jener Frau, die zwei Jahrzehnte lang an diesem Weg wohnte und immer davon träumte, das gemietete Haus zu kaufen... Die anderen Möllner Parteien lehnten den Vorschlag der Grünen nicht einmal ab. Sie beschlossen vergangene Woche Donnerstag gleich einen anderen. Hatte der Weg bis dahin gar keinen Namen, heißt er nun plötzlich Lohgerbergang, nach jenen Handwerkern, die hier einst Felle gerbten. Das Fernsehen spießte das auf, befragte ein paar Passanten („Man kann die Straßen nicht nur nach Ermordeten benennen, wo kommen wir da hin?“), und die Stadt stand plötzlich wieder in schlechtem Licht.

Dabei hat Mölln viel getan für die 43 Überlebenden der Brandnacht, hat Geld, Wohnraum und Kleidung beschafft, hat geholfen, die von überall her eintreffenden Spenden, über 330000 Mark, gerecht zu verteilen.

Nicht Mölln hat den Anschlag verübt, in Mölln wurde er verübt. Das ist ein Unterschied, der vielleicht die Welt nicht kümmert, aber in Mölln inzwischen sogar jene, die nicht müde werden, einen verantwortlichen Umgang mit der eigenen Geschichte einzufordern.

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