Ist es nicht ungerecht, so dachten die übrigen Elemente, daß nur eines aus ihrer Mitte, das Plutonium nämlich, im vergangenen Bundestagswahlkampf wochenlang durch sämtliche Medien geistern durfte? Ausgerechnet dieses minderangesehene Transuran mit der Ordnungszahl 94, das zudem noch recht selten vorkommt in der freien Natur?

Ähnliche Gedanken hegten auch die Eulenspiegel-Redakteure Behrend und Mielke, die aus ihrer Sympathie für das chemische Element Silizium – nach dem Sauerstoff schließlich das häufigste Element der Erdkruste – noch nie ein Hehl gemacht hatten.

Aber wie nun dem liebenswerten Stoff, der als Siliziumdioxid in Form von Seesand, Quarz und Kieselgur weit verbreitet ist, eine angemessene Aufmerksamkeit verschaffen?

Die Methode, V-Männer, Journalisten und Polizei loszuschicken, die mit viel Geld und Mühe in Rußland Bleiummanteltes kaufen, um es in Deutschland vor laufenden Kameras anderen V-Männern, Journalisten und Polizisten zu überreichen, gilt inzwischen zu Recht als abgegriffen. Aber, dachten sich die Herren Behrend und dachten wozu sich lange den Kopf und brechen; sollten das doch die Experten von Boulevardblättern und Magazinen übernehmen.

Denn hatte man da nicht neulich nachts einen Lkw beobachtet, der – vollbeladen mit Sand und Kieselgestein! – durch die Lande brauste? Ohne Strahlenschutz und Absicherung?

Flugs informierten die Satiriker per Telephon unter anderen die Redaktionen von Bild, Super-Illu, Berliner Kurier, stern und Spiegel, daß da des öfteren Silizium durch den Wohnort transportiert würde, am Tage und manchmal auch nachts, zum Teil offen auf Lastwagen. Und vergaßen auch nicht zu erwähnen? daß man sich jetzt öfter matt und müde besonders abends. Hinzu kämen noch so Sachen, wie Haarausfall, auch gerade bei älteren Männern, und neulich sei da sogar eine Katze verendet!

Selbst der Spiegel-Redakteur mußte einräumen: „Das war mir bisher nicht bekannt, so ein fahrlässiger Umgang mit diesem Material!“ Auch die übrigen Redaktionen witterten eine Sensation und versprachen, sich um die Sache zu kümmern (die Bild- Zeitung dachte vorsorglich schon mal über eine Evakuierung der Bevölkerung nach).

Wenn trotzdem in diesen Tagen keine Flutwelle von Silizium-Schlagzeilen über uns hereinbricht, dann liegt das hoffentlich daran, daß die Bundestagswahl inzwischen gelaufen ist. Und nicht daran, daß sämtliche zuständigen Reporter bereits auf dem Wege nach Roitzsch sind, einem kleinen Dorf bei Bitterfeld. Behrend und Mielke haben dem Mitteldeutschen Express gesteckt – und so etwas spricht sich bekanntlich schnell herum –, daß Luftuntersuchungen dort einen Stickstoffwert von über 78 Prozent ergeben haben. Der Express will sich kümmern. Martin Sonneborn