Der letzte Versuch
Wenn die Rede auf die „Neunundachtziger" kommt, reagiere ich gereizt, und das mag damit zu tun haben, daß ich das Gefühl nicht los werde, gemeint zu sein. Doch es ist mehr als das: Es ist vor allem der Furor an Sauertöpfigkeit, der den Ekelpegel hebt. Konservativ gewordene Rebellen projizieren ihre enttäuschten Hoffnungen auf die nachkommende Generation. Wirr geworden an den Verhältnissen, die platter Denunzierung seit langem widerstehen, wollen Sie zumindest in der Verteufelung der eigenen Erben ein allerletztes Mal recht bekommen. Der Protest, der längst zum guten Ton gehört, richtet sich nicht mehr gegen die Gesellschaft, sondern gegen die Jugend. Progressiv bemäntelt, wird da nostalgische Kulturkritik betrieben, die sich von ihrer reaktionären Variante bloß noch durch die Wortwahl unterscheidet.
Woran erkennt man diese „Neunundachtziger"? Nun, sie haben etwas gegen Botho Strauß. Blöde nur, daß allenthalben auch jene als „Neunundachtziger" tituliert, auch dämonisiert werden, die gar nichts gegen Botho Strauß haben, die dessen düsteren Bocksgesang als Leitartikel lesen. Doch bleiben sie völlig zu Recht in ihrem neuen Sektenmilieu gefangen, mögen auch eine Handvoll verwirrte Verleger ihre Bücher drucken oder ein paar naive Dichter und orientierungslose Bürgerrechtler ihre Berliner Manifeste unterzeichnen. Wäre noch die große Masse der „Neunundachtziger", die sich still, aber entschlossen in Theatern, Redaktiönsstuben und Werbeagenturen festsetzen oder an Universitäten „brauchbare" Lehrveranstaltungen belegen, immer die eigene Zukunft fester im Blick als die Errettung der Menschheit. Jene Jugend also, deren ruhiger Möglichkeitssinn von den einen in gemessener Prosa gerühmt, von anderen als egoistisch, konsumversessen, geistlos und oberflächlich verdammt wird.
Diese drei Gruppen haben nichts gemeinsam außer der Tatsache, daß sie in einer welthistorischen Auszeit aufgewachsen sind, die für einen kurzen Herbst - und ohne Zutun der großen Mehrzahl dieser Altersgenossen - 1989 unterbrochen wurde.
Was bleibt? Keine Generation, aber immerhin, wie Wolfgang Engler schreibt, einige Jahrgänge, die durch ein paar biographische Punkte auf einer unsichtbaren Geraden verbunden sind. In gewissem Sinne sind auch wir Dreißigjährige „Achtundsechziger". Wir durchliefen Institutionen, die 1968ff modernisiert wurden; wir erfuhren unsere ersten Politisierungen in Bewegungen, deren Strukturen aus den Aufbruchsjahren herüberreichten, auch wenn es nur mehr gegen Raketen und Kraftwerke ging; wir lernten Diskurse, deren Termini in den Kursbüchern der sechziger Jahre geprägt worden waren.
Freilich, Utopien, so wir sie je hatten, verloren wir schon in frühen Jahren. Wo die „Achtundsechziger" um ihre Utopien trauern, in Wahrheit aber ihre Jugend meinen, reagieren wir in Gelassenheit - wir sind immer noch jung.
Daß die Verhältnisse eben so sind, haben wir schnell gelernt. Sie nüchtern zu beschreiben liegt uns näher, als sie mit hohlem Pathos anzuprangern „Weil es so ist, bleibt es nicht so", jener forschen Hoffnung begegnen wir mit Skepsis klug aus einer Erfahrung, die nicht die unsere ist.
Das sollen jene am wenigsten bemäkeln, die selber längst zum Adjektiv rosso eher Brunello als Bandiera fügen.
- Datum 25.11.1994 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.11.1994 Nr. 48
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