Spaniens Ministerpräsident Felipe González über den Sozialismus, die europäische Einigung und die Krise seiner Regierung – ein ZEIT-GesprächEuropa? „Dafür kämpfe ich“

DIE ZEIT: Herr Ministerpräsident, Sie sind ein einmaliger Fall. Als Sozialist in Westeuropa halten Sie sich seit zwölf Jahren an der Macht, während anderswo der Sozialismus auf dem Rückzug ist. Haben Sie so lange überlebt, weil Sie vielleicht gar kein Sozialist sind?

Felipe González: Nein, der eigentliche Grund ist, daß ich einen persönlichen Wettstreit mit Helmut Kohl habe, wer länger an der Macht bleibt. Noch hat er zwei Monate Vorsprung.

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ZEIT: Aber Helmut Kohl ist kein Sozialist. González: Nein, aber im Ernst: Ich glaube, das hat nichts mit Ideologien zu tun. Und es stimmt ja auch nicht, daß der Sozialismus heute auf dem Rückzug ist. Schauen Sie doch nur nach Schweden, Dänemark und Norwegen oder auf den Wiederaufstieg der Labour-Partei in Großbritannien. Wir werden erneut erleben, wie soziale Dimensionen die Politik erobern. Und das wird der gemäßigten Linken neue Möglichkeiten geben.

ZEIT: Aber was bedeutet Sozialismus heute denn noch?

González: Für uns in Spanien bedeuten die vergangenen Jahre, daß wir einige der wichtigsten Ideale der Sozialdemokratie in Europa erfüllt haben: Bildung für alle, Renten für alle, Zugang zum Gesundheitswesen für alle. Demokratischer Sozialismus heißt heute für mich: der sozialen Dimension der Politik Gewicht zu verleihen. Dazu müssen wir eine leistungsfähige Wirtschaftspolitik verbinden mit einem gewissen Maß an Umverteilung und der Verteidigung des Wohlfahrtsstaates.

ZEIT: Demnach wäre der Sozialismus also kaum mehr als ein Kapitalismus mit menschlichem Antlitz?

González: Ja, so könnten Sie es definieren – wenn es auch nicht genau das ist, was ich sage. Ich sage: Demokratische Sozialisten müssen die Solidarität mit der Verantwortung verknüpfen. Heute stellt niemand mehr die Marktwirtschaft in Frage, es existiert keine Alternative.

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