Von Ruth Klüger

Bücher wirken anders auf Frauen als auf Männer. Dies sollte kein heikles Thema sein. Doch fürchten Frauenrechtlerinnen, daß eine solche Behauptung den weiblichen Geschmack und die weibliche Denkfähigkeit in Frage stellt, und ihre Gegner fürchten einen weiteren Angriff auf den literarischen Kanon. Und doch: Längst haben wir gelernt, daß das Wort, der Text, der Roman oder das Gedicht kein Ding an sich ist, dessen werkimmanenter Sinn sich den vertrauensvoll Lesenden bedingungslos erschließt und immer gleichbleibt. Jeder und jede von uns liest anders, wie kein Leben mit einem anderen identisch ist und sich jedermanns und jeder Frau Weltverständnis von jedem anderen unterscheidet.

Es gibt rein sachliche Texte, die für beide Geschlechter dasselbe bedeuten. Fahrpläne zum Beispiel. Vor den Ankunfts- und Abfahrtstafeln der Bundesbahn wird der Mensch androgyn. Anders bei Texten, die sich auf Menschliches beziehen. Eine solche Begrenzung der Belletristik aufs Menschliche ist anfechtbar, denn es gibt hochliterarische Texte, besonders in der Lyrik, die sich so sehr der Musik nähern, daß sich in ihnen die Sprache gewissermaßen verselbständigt und von den Realitätsbezügen entfernt, wie das ja auch in der abstrakten Malerei der Fall ist. Die Reaktion auf solche Texte ist wohl am wenigsten geschlechtsspezifisch.

Es gibt aber auch eine Literaturtheorie, derzufolge alle Literatur nur sprachbezogen ist, die einem historischen Roman, der sich müht, die Vergangenheit zu interpretieren, und einem späten Gedicht von Celan dieselbe Behandlung angedeihen läßt und uns belächelt, wenn wir uns mit Inhalten auseinandersetzen. Eine solche Literaturtheorie lehnt außerästhetische, zum Beispiel moralische, Überlegungen als nichtliterarisch und daher unzulässig ab. Besonders das Leserbedürfnis nach Identifizierung in der erzählenden Prosa steht heutzutage nicht sonderlich hoch im Kurs und wird uns als eine kindliche Vorstufe des reifen, kritischen Lesens ausgelegt. Ich möchte aber vorschlagen, daß uns gerade dieses nur scheinbar kindische Bedürfnis nie verläßt und uns auch nicht verlassen soll, obwohl es sich mit der Zeit und dem Älterwerden sicher ändert und hoffentlich komplexer und umfassender wird. Denn sogenannte rein ästhetische Kriterien können auch ein Alibi sein, das einer vorherrschenden Lebensanschauung dient, zum Beispiel der männlichen, indem sie Inhalte, unter dem Deckmantel der künstlerischen Allgemeingültigkeit, einer weiteren Debatte einfach entziehen.

Dazu ein Beispiel aus der bildenden Kunst. Fast jede große Kunstgalerie hat ein Gemälde aufzuweisen, das den „Raub der Sabinerinnen“ darstellt. Und bei jeder Führung wie auch in den Katalogen heißt es, man möge die Komposition bewundern, den Farbkontrast würdigen. Nur: Wir blicken auf einen Gewaltakt, von muskulösen Männern an halbnackten Frauen verübt, unwilligen Menschen, die von Stärkeren verschleppt werden. Ich höre zu, ich schaue hin, und ich frage mich betreten: Warum sagt niemand etwas zum Inhalt? Ich weiß auch die Antwort: Weil der Raub und die Vergewaltigung zur mythisch-historischen Vorlage gehören und nur dazu da sind, damit der Maler sein Können demonstriere.

Als Frauen stehen wir vor diesem Prunk und dieser Pracht, wo unseresgleichen zu Gegenständen erniedrigt wird, und verdrängen unsere Beklemmung, um unser Kunstverständnis nicht zu kompromittieren. Manchmal sind die Opfer so gemalt, daß sie ihre Erniedrigung zu genießen scheinen, eine Übertünchung, die die Sache noch verschlimmert. Nun will ich das Gemälde beileibe nicht aus der Galerie entfernen und möchte auch weiterhin über seine technischen Vollkommenheiten belehrt werden; nur möchte ich außerdem die Inhaltsfrage stellen. Denn es liegt doch auf der Hand, daß Männer und Frauen ein solches Sujet unterschiedlich betrachten, und wir hegen gerechte Zweifel, wenn die Experten uns versichern, daß das Gemälde mit erotischen Machtansprüchen nur minimal zu tun habe.

Ähnlich verhält es sich mit der Darstellung von Gewaltakten und deren Rezeption in der Literatur. Der Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 1992, George Tabori, sagte in seiner Dankrede, die schönsten Liebesgeschichten, die er kenne, seien „Othello“ und „Woyzeck“. Der einflußreichste deutsche Kritiker, Marcel Reich-Ranicki, hat einmal im Fernsehen seine Vorliebe für die „Liebesgeschichte“ „Kabale und Liebe“ kundgetan. Wer will abstreiten, daß es sich bei allen dreien der genannten Dramen um Meisterwerke der Literatur handelt? Wie denn anders, wenn Shakespeare, Büchner und Schiller die Autoren sind? Aber die schönsten Liebesgeschichten? So würde eine Frau sie auf Anhieb kaum nennen. Wird doch in jeder von ihnen die Geliebte vom Geliebten umgebracht, und zwar auf recht brutale Weise, erdrosselt von Othello, erstochen von Woyzeck, vergiftet bei Schiller.