Meisterlich: Aaron J. Gurjewitsch über "Das Individuum im europäischen Mittelalter"Anders, aber nicht fremd

Von Norbert H. Ott von Norbert H. Ott

Lord Mellifont, neben dem ichgespaltenen Schriftsteller zweite Hauptfigur in Henry James Erzählung "The Private Life", ist als Person nur vorhanden, sofern er sich unter Menschen befindet; ohne die Kommunikation mit seiner Umgebung dematerialisiert er sich vollständig. Existent ist seine individuelle Persönlichkeit nur auf der Oberfläche der äußeren Phänomene, ihre Substanz verliert sich ins Nichts.

Dieses literarische Bild markiert beispielhaft die Situation des Historikers, der den mittelalterlichen Menschen in seiner Persönlichkeit und Individualität fassen will. Erkennbar sind nur deren Akzidenzien, die substantia jedoch bleibt dem Blick weitgehend verborgen. Die überlieferten Quellen - auch jene vorgeblich so persönlichen Bekenntnisschriften und das Individuum offenbarende Autobiographien - sind als veröffentlichte Äußerungen per se strategische, an ein Publikum gerichtete Texte - Projektionen, die es, um sie zu entschlüsseln, meist gegen den Strich zu lesen gilt: Nur hinter Demuts- und Reueformeln verhüllt, kann das Selbst des - christlichen - mittelalterlichen Individuums zu sich gelangen.

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Auf die Suche nach jenem "unfaßbaren" Individuum des Mittelalters hat sich der große russische Mediävist Aaron J. Gurjewitsch gemacht, dessen erstes Buch auf dem deutschen Markt, "Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen", 1980 eine ungewöhnlich breite Resonanz gefunden hatte, vor allem weil es den Erwartungshorizont durchbrach, der einem bis dahin die Beschäftigung mit der damals noch sowjetischen Geschichtswissenschaft hat überflüssig erscheinen lassen. Seine neueste, für die von Jacques le Goff herausgegebene Reihe "Europa bauen" eigens verfaßte Studie ist mit Sicherheit noch aufregender, ja ein Meisterwerk der Historiographie, beeindruckend in der gedanklichen Stringenz und der gleichzeitigen, allzu schlüssige Thesenkonstrukte meidenden Behutsamkeit der Beweisführung - vor allem aber wegen der souveränen Kunst des Autors, die Tiefenschicht der Quellen bloßzulegen: Der "Rekonstruktion desjenigen Neben- oder Hintersinnes, der entweder, weil implizit vorhanden, assoziiert werden muß oder durch die Ausdrucksebene hindurchbricht", gilt sein insistierendes Bemühen. Spätestens seit Jacob Burckhardt hat sich die Vorstellung von der Entdeckung des Individuums als triumphale Tat der Renaissance in den Köpfen festgesetzt: Das Mittelalter war als Epoche kollektiver Mächte abgestempelt. Das hat zwar die Kritik manches Mediävisten provoziert, nach Charles Homer Haskins (1927) vor allem die von Colin Morris (1972), doch blieb auch deren Bild vom mittelalterlichen Individuum eindimensional: zum einen, weil es sich allein auf die intellektuelle Elite der "Renaissance des 12. Jahrhunderts" bezog, zum anderen, weil es den IndividualismusBegriff der Neuzeit auf die ältere Situation zurückprojizierte und damit einen evolutionären Zusammenhang zwischen Mittelalter und Neuzeit herstellte. Gurjewitsch hingegen versucht, Geschichte als vergangene Gegenwart ihrer Zeitgenossen begreifend, die mittelalterlichen Menschen in das "geistige Universum zurückzubringen, in das sie gehören".

Er tut dies mit einer Folge von Interpretationen sehr unterschiedlicher Textquellen: altskandinavische Sagas und Skaldendichtungen, des Augustinus "Confessiones", Autobiographien Guiberts de Nogent, Abälards und Sugers, Predigten Bertholds von Regensburg, höfische Dichtung und Chronistik, Schriften und Zeichnungen des Opicinus de Canistris und, abschließend, Dantes "Vita nuova" und Petrarcas "Posteriotati". Eine solche "Erörterung von Einzelaspekten", wie er es allzu bescheiden nennt, fügt sich zu einem äußert facettenreichen, mitunter auch widersprüchlichen Bild mittelalterlicher Individualität als - um mit Febvre zu sprechen - "mentalem Instrumentarium". Bei jeder Quellengattung anders werden die darstellerischen Strategien erkennbar, hinter denen sich die Substanz der Persönlichkeit zurückzieht, "durch ein ebenso dichtes wie verzweigtes Netz von Ritualen, Verhaltensnormen und Bräuchen bestimmt".

In der skandinavischen Frühzeit noch blitzt unter der dünnen Firnisschicht des Christentums "freimütige Äußerung und ( ) energische Verteidigung egoistischer Interessen" auf, um sich unter den ideologischen Imperativen der christlichen Epoche höchstens dann Bahn zu brechen, wenn, wie bei dem norditalienischen Kleriker Opicinus, die psychische Konstitution des Ich Suchers von der Norm abwich. Nur innerhalb der Gruppe, der die Individuen zugehörten, konnte Individualität im Mittelalter sich ausprägen, und sogar die selbstbewußteste Persönlichkeit vermochte über sich kaum zu sprechen ohne das Vorbild topischer Muster, ohne die Einpassung in tradierte Formen - verhüllt, versteckt, ja oft konträr zum eigentlichen Ziel der Aussage: Gerade Abälards in der "Historia calamitatum" demonstrierte Demut, die "Anähnelung" seiner Persönlichkeit an hagiographische Prototypen, tarnt sein starkes Selbstbewußtsein und macht aus der Bekenntnis- eine Rechtfertigungsschrift. Und Abt Suger, der programmatisch vorgibt, sein Ich in Saint Denis aufgehen zu lassen, absorbiert im Gegenteil mit diesem Identifikationsakt "seine" Abtei durch seine Persönlichkeit.

Nur in solch verhülltem Sprechen, nur im Anschluß an typologische Vorbilder, kommen die mittelalterlichen Individuen zu sich "Das Individuum im Mittelalter ist in erster Linie Angehöriger einer Gruppe, und erst in ihrem Schoß gewinnt es sein eigenes Ich Der Prozeß dieser Individualisierung aber ist nicht linear, sondern voller Sprünge und Umwege. Bezeichnenderweise findet sich der Gipfelpunkt der Persönlichkeitsentwicklung am Beginn der Epoche: Keiner hat auch während der tausend Jahre danach derart rückhaltslos sein eigenes Ich beobachtet wie Augustinus, und erst Petrarca wird am Ende seine Biographie mit gleicher Umsicht konstruieren, nun aber nicht mehr typologischen, sondern - und das ist das Neue - literarischen Vorbildern sich anverwandelnd.

Gurjewitsch hat seine hier einem größeren Zusammenhang integrierten Thesen zu Berthold von Regensburg, bei dem "Person" sich vor allem in der Freiheit des Willens manifestiert, schon 1988 vorgestellt - in einem in Rom gehaltenen Vortrag, den Alexandre Metraux zusammen mit zwei methodologischen Essays zu einen handlichen Bändchen vereinigt und mit einem Nachwort versehen hat, das allerdings so manchen präzisen Gedanken hinter einem Wollvorhang schiefer Metaphern verschwinden läßt: Gurjewitsch, so heißt es dort, habe "bei der Herleitung der sozialhistorischen Psychologie als der tragenden Säule der mentalitätsgeschichtlichen Methode nicht ausschließlich das Fadenkreuz der Ecole des Annales verwendet ( ), um sich am Himmel der Weltanschauungen, Mentalitäten und sozial wirksamen Emotionen zurechtzufinden" - was heißen soll, daß er zwar von den Franzosen beeinflußt ist, mehr aber noch an heimische Forschungsrichtungen, vor allem die Semiotik Michail Bachtins, anknüpft. Von dort bezog er auch den Dialog Begriff, der allen drei Beiträgen als Struktur- und Denkmodell zugrunde liegt und dem das Individualismus Buch ebenfalls vieles verdankt. Bachtins Dialogik dient ihm jedoch nicht allein dazu, die historischen Quellen zu erschließen, indem "Geschichte nicht als Entwicklung unpersönlicher wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Kräfte, sondern ( ) als Tätigkeit leibhaftiger Menschen" begriffen wird sie wird auch auf den wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß selbst angewendet: Der Historiker "tritt gleichsam in einen Dialog mit ( ) den Akteuren (der Geschichte) ein, wobei er ihnen so die Möglichkeit zur Veräußerlichung ihrer eigenen Sichtweise gibt".

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