Wer kennt ihn nicht den Warenhausbesitzer Scrooge, diesen Kotzbrocken? In seinem spitznäsigen Kopfe hausten alle Boshaftigkeiten dieser Welt. Er war von Raffgier besessen, mißtrauisch, ein Geizhals, ein Egoist, ein Misanthrop, ein Ekel. Der Garten seiner menschlischen Empfindungen: nichts als ein ausgedörrtes Stoppelfeld. Nirgends ein Gefühl, dem es darin zu sprießen gelänge "Er durchkältete", lesen wir bei Charles Dickens, "sein Kontor in den Hundstagen, und noch nicht einmal am Christfest ließ er es auch nur um einen einzigen Grad auftauen Seinem Schreiber mißgönnte er den freien Weihnachtstag; seinen Neffen, der ihn zum Weihnachtsessen einlud, jagte er zum Teufel. Wohltäter, die um eine milde Gabe für die Armen baten, warf er hinaus. Doch gottlob gab es Mister Marley, den guten alten Kompagnon des Griesgrams Scrooge, den man unlängst begraben hatte, genauer also: Nun gibt es Marleys Geist. Und der beginnt, gemeinsam mit drei anderen Gespenstern, den grimmigen Scrooge heimzusuchen. Sie reden ihm ins Gewissen, eröffnen ihm die freundlichen Offerten des Daseins, wecken Mitgefühl und Lebenslust in ihm. Und auf einmal, o Wunder, wird aus dem bösen Scrooge der liebe Scrooge. Als er aus seinen turbulenten Halluzinationen erwacht, ruft er, nunmehr "durchglüht von seinen guten Vorsätzen" und "glücklich wie ein Engel": "Fröhliche Weihnachten für jedermann!" Dann läuten die Glocken, und nun ist klar, daß aus ihm "ein noch besserer Mensch" geworden war, "als seine Worte ahnen ließen".

Das ist das alte, ewig frische, ergreifende Weihnachtsmärchen, das sich Charles Dickens vor 150 Jahren ausgedacht hat. Es ist eine selbstverständlich moralische, tief in den Gefühlen wühlende, spannende Behauptung, daß auch im bösesten Menschen ein guter stecke, man müsse ihn nur zu wekken verstehen. O göttliche Geister, helft!

Nun also gibt es Dickens Christmas carol" in einer neuen, gutgelaunten, die Sentimentalität überspielenden Übersetzung von Volker Kriegel. Seine Sprache ist bildkräftig, reichhaltig, bisweilen aber auch ziemlich salopp. Mußte aus der verrückten wirklich eine "bekloppte" Welt werden? Läßliche Sünden, die bei jedem Blick auf die seitengroßen Illustrationen Kriegeis verblassen: schöne, drastische, farbige Bilder. Sie sind ein Vergnügen. Manfred Sack Neu übersetzt und illustriert von Volker Kriegel; Haffmans Verlag, Zürich 1994; 98 S, 26 80 DM