Zeitspiegel

Anschlag auf die Avantgarde

„Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“ Mit dem berühmten Wort der Sozialistin Rosa Luxemburg ist ein Appell von Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern überschrieben, die das Recht auf das freie Wort auch für die Junge Freiheit, Avantgarde der Reaktion, einfordern. Der linke Daniel Cohn-Bendit gehört zu den Unterzeichnern. Recht so. Die Publikation müsse erscheinen können „ungeachtet der Tatsache, daß vielen (auch Unterzeichnern dieses Aufrufes) die politischen Positionen der Zeitung mehr als bedenklich erscheinen“. Grund für den Appell: Auf die Druckerei der Zeitung ist ein Brandanschlag verübt worden, Bekennerschreiben von „revolutionären Gruppen“ waren an Zeitungen und Radios verschickt worden. Nachschlag: Nun will die Druckerei in Weimar das Blatt nicht mehr produzieren, weil den Beschäftigten die Gefahren nicht mehr zuzumuten seien.

Wahnsinnige Wimpern

Beim Amtsantritt des amerikanischen Präsidenten Clinton im Januar 1993 hatte die linksliberale Kennedy School of Government (die Fakultät für öffentliche Verwaltung der Harvard Universität) nicht nur ein ganzes Rudel reformwütiger Jungpolitiker auf die Hauptstadt losgelassen, sondern auch alle neuen Kongreßabgeordneten auf ein dreitägiges Einführungsseminar nach Boston geladen. Seit dem Erdrutschsieg der Republikaner im November aber sind die Dienste der progressiven Hochschule nicht mehr gefragt, an ihre Stelle sprang die erzkonservative Heritage Foundation. Dort wurden die frischgekürten Volksvertreter von Größen wie Charles Murray (der einen Kausalzusammenhang zwischen Hautfarbe und Intelligenz entdeckt haben will) und dem rabiaten Talkmeister Rush Limbaugh (der Feministinnen „Feminazis“ nennt) aufgeklärt. Ein Reporter der New York Times war dabei, als Limbaugh den Nachwuchs vor den schlimmsten Gefahren des Sündenpfuhls Washington warnte: „Eines Tages wird eine Reporterin sich an Sie heranmachen, mit den Wimpern klimpern und sich mit Ihnen zum Mittagessen verabreden wollen. Und Sie werden denken: ‚Wahnsinn! Ich bin doch bloß ein Neuling.‘ Aber da müssen Sie hart bleiben: Die Presse ist nicht Ihr Freund.“

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Endlich Einheit!

Im Alltag ist der Berliner ja durchaus entmenscht, doch sein joldenet Herze neigt zur Treue. Ewig werden es die Hauptstädter in Ost und West Axel Nawrocki danken, daß er als Chef der Olympia GmbH Berlin vor den Pharmazeutischen Spielen zu bewahren wußte. Der Senat mit E. Diepgen an der Spitze belohnte den Olympier N. mit einer Beförderung zum Chef der S-Bahn GmbH. Noch kein Jahr im Amt, präsentiert Nawrocki neuerlich ein Großprojekt zur Vermählung a) von Ost- und Westberlin, b) von Berlin und Brandenburg: Die S-Bahn soll einheitlich in den Stadt- und Landesfarben Rot/Weiß gestrichen werden. Ewiggestrige jammern zwar nach den Traditionsfarben Karminrot/Ocker. Die aber, erklärte N., ließen sich beim besten Willen nicht vernünftig anbringen. Müssen wir denn wissen, was das heißt, wenn’s um die einheitliche Einheit geht? Schon in den achtziger Jahren strich Ostberlin erfolgreich jedes Nahverkehrsmittel in einer typischen Grundfarbe, so daß man endlich wußte, was man bestieg. Orange: Busse. Gelb: U-Bahnen. Grün: Bäume ... Und Ostberlin ward eins.

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