Spaghetti von Hand

von Helga Kessler

TROSSINGEN. - Förster wollte er werden. Das Studium hatte er geschafft. Doch dann kam der Zusammenbruch. Ein Jahr Psychiatrie. Danach war Mark, gerade 28 Jahre alt, arbeitslos. Ohne Aussicht, einen Job zu finden. Einer von vielen Arbeitswilligen, die unter "schwer vermittelbar" laufen. Doch Mark hatte Glück. Er fragte beim Arbeitsamt in Rottweil nach, und das schickte ihn ins benachbarte Trossingen. Dort gibt es seit zwei Jahren ein Projekt mit sozialem Anspruch: Das "Nudelhaus" beschäftigt ausschließlich schwer Vermittelbare. Und obwohl Leistung nicht groß geschrieben wird, trägt sich das Projekt inzwischen selbst.

Ganz im Gegensatz zum Trend in der freien Wirtschaft, wo immer mehr Menschen wegrationalisiert und durch Maschinen ersetzt werden, kommen im Nudelhaus arbeitsintensive Maschinen zum Einsatz. Ravioli oder Spaghetti entstehen so. Andere Teigwaren, etwa Gnocchi oder frische Lasagne, werden in zeitraubender Handarbeit hergestellt. Natürlich schlägt sich das in der Produktion nieder: Gerade mal fünfzig Kilogramm Nudeln werden im Lauf eines normalen Arbeitstages hergestellt. Wenig Produkt für viel Personal. "Das war Absicht", betont Willi Haller, einer der Initiatoren des Projektes. Schließlich gelte es, Arbeitsplätze zu schaffen, und nicht, sie zu vernichten.

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Das ist in Trossingen gelungen. Denn die Waren finden ihre Käufer. Haller führt dies auf die "erstklassige Qualität" der Nudelhaus-Produkte zurück. Mindestens genauso wichtig ist, daß auf den Wochenmärkten, die mit der frischen Ware beliefert werden, Konkurrenz fehlt. Zwei Drittel des Monatsumsatzes von 24 000 Mark werden so erwirtschaftet. Das restliche Drittel kommt über den Versand getrockneter Nudeln und über den Verkauf im Laden des Nudelhauses zusammen. Inzwischen reicht das Geld sogar, um kleine Investitionen zu tätigen.

"So etwas sollte es woanders auch geben", betont Nudelhaus-Initiator Haller. Vor zehn Jahren hat er seinen Geschäftsführerposten in der eigenen Computerfirma aufgegeben, weil er keinen Sinn mehr darin sah. Seither denkt er über die flexible Gestaltung von Arbeitszeit nach und kreiert Projekte wie das Nudelhaus. "Wir müssen zukunftsweisende Alternativen entwickeln anstatt zu resignieren", erklärt er seine Motivation.

Daß dies in Trossingen funktioniert hat, liegt daran, daß hier keine Einzelperson aktiv wurde, sondern eine Gruppe Gleichgesinnter, die sich gegenseitig motivieren und unterstützen. Die Gruppe, die aus der christlichen Friedensbewegung kommt, trifft sich bereits seit zehn Jahren. Gemeinsam philosophieren sie über gesellschaftliche Probleme und suchen nach konkreten, vor Ort realisierbaren Lösungen. So ist vor Jahren das Projekt "Lebenshaus" entstanden, wo Familien vorübergehend Menschen aufnehmen, die Hilfe brauchen. Weil diesen "vorübergehend Gestrauchelten" meist die Arbeitslosigkeit droht, entstand die Idee vom Nudelhaus. Die - zinslosen - Kredite, die für den Kauf der Maschinen und der Einrichtung gebraucht wurden, hat Haller "zusammengebettelt". Finanzielle Unterstützung kam von der Stadt Trossingen und der "Aktion Sorgenkind".

Wie immer, wenn der Freundeskreis tätig wird, ist eine auch höchsten ästhetischen Ansprüchen genügende Einrichtung entstanden. Ganz bewußt will man den Ruch des "sozialen Ghettos" vermeiden. Weil das Nudelhaus inzwischen fast von alleine läuft, hat Haller, unterstützt vom Freundeskreis, bereits die nächste Idee angepackt.

Im Keller eines Tuttlinger Fabrikgebäudes hat er eine Spülstraße für Mehrweg-Plastikgeschirr hingestellt. Auch hier sollen schon bald schwer Vermittelbare dauerhaft Arbeit finden. Und auch diese Idee darf selbstverständlich kopiert werden.

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