Es ist erschreckend, ja schwindelerregend, wie schnell sich Nepal und seine Menschen wandeln. 1989 bin ich zum ersten Mal in das Katmandu-Tal gekommen. Es gab zwar schon Autos, aber keine Verkehrsstaus. Die Luft war klar, alle drei Städte im Tal, Katmandu, Patan und Bhaktapur, waren noch große Dörfer, die Flüsse, der heilige Fluß Bagmati und der Bishnumati, waren voller Wasser. Die Stadt war mittelalterlich dreckig, aber Wohlstandsmüll wie Plastiktüten, Einwegflaschen, aufwendige Verpackungen gab es kaum. Es hatte gerade angefangen, daß man in einigen Läden ohne Gefäße oder Taschen Öl, Reis, Gemüse einkaufen konnte. Und man brauchte als Frau noch keine Angst zu haben, nachts allein durch die Straßen oder Tempelanlagen oder am Flußufer entlang zu schlendern.

Die Menschen in dem Land, das nach der Statistik zu den drei ärmsten Ländern der Welt gehört, hatten alle zu essen, wenn auch dürftig, und strahlten ruhige Freundlichkeit und Bescheidenheit aus. Die meisten dachten nicht in den Kategorien arm und reich. Die Nepalesen erschienen mir, ohne ihre Armut romantisieren zu wollen, in ihrer Ausstrahlung als das Gegenteil der Menschen in den "fortschrittlichen" Industrieländern.

Ich ging oft früh morgens an den Fluß zu einer Tempelanlage, wo im Morgennebel Männer und Frauen zusammenkamen, um zu singen, zu musizieren, im heiligen Fluß zu baden, auf kleinen Tontellern Lichter den Fluß hinunterzuschicken, die Götterstatuen mit Blumen und rotem Puder zu schmücken und sich selbst ebenfalls. Es war jedesmal ein Erlebnis, das mich sehr berührte. Dieser morgendliche Gang zum Fluß sollte inneren Frieden und Kraft für den ganzen Tag geben. Und irgendwie hatte er auch auf mich diese Wirkung. Man gab mir immer wieder das Gefühl, willkommen zu sein, und ließ sich in seinen Ritualen durch mich nicht stören.

In den folgenden beiden Jahren war ich noch oft am Fluß, der im Sommer nach der Regenzeit immer sehr voll und weit war. Im Frühjahr wurde auf einer Seite Land frei, auf dem dann Gemüse angebaut wurde. Auf der Tempelseite reichte aber auch im Frühjahr das Wasser bis zu den Treppen und den Gatts, den Verbrennungsplätzen für die Toten, deren Asche in den Fluß gestreut wird.

1992 wurde dann viel gebaut, es entstanden Teppichfabriken, die viel Wasser für das Färben, die chemische Behandlung und das Waschen benötigen. Der Fluß verwandelte sich in diesem einen Jahr in ein schmales, stinkendes Rinnsal. Das Wasser fließt seitdem nur zähflüssig, zumindest im Winter und Frühjahr, die Gatts reichen nicht mehr ans Wasser, heilige Waschungen sieht man fast nie mehr; statt kleiner Lichtlein schwimmen aufgeblähte Plastiktüten im Wasser. Das morgendliche Treiben am Fluß hat seinen Charakter verloren, es kommen nicht mehr viele Menschen hierher.

Bedenkt man, daß der Fluß für die Nepalesen Leben bedeutet, daß das Wasser des Flusses lebensnotwendig ist für tägliche Säuberungen und für die Nahrungszubereitung, so ist dies wirklich ein ökologisches, ein hygienisches und auch ein spirituelles Drama. Immer wieder habe ich von Nepalesen gehört, daß dieser Fluß doch nicht mehr heilig sein könne, daß ihre Rituale nichts mehr bedeuten können, so daß sie sich von ihrem Glauben immer mehr abwenden, nur noch gerade das Nötigste tun, was von den Familienobersten und Brahmanen verlangt wird.

1989 gab es nur wenige Fernseher und nur ein kurzes Abendprogramm. Heute ist das Fernsehen weit verbreitet; es ist erstaunlich, sogar auf ärmlichen Behausungen Fernsehantennen zu sehen. Sogar Kabelfernsehen gibt es seit zwei Jahren. Die Sendungen kommen zumeist aus Indien oder aus Amerika. Die Werte, die über das Fernsehen vermittelt werden, tragen dazu bei, daß die traditionellen Werte in schwindelerregender Geschwindigkeit an Bedeutung verlieren. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie insbesondere Jugendliche das verkraften können. Sie leben oft noch im Haus der Eltern, zusammen mit der Großmutter, die eine wichtige Rolle im Leben der Familie spielt. Die Großmutter besteht auf Einhaltung der traditionellen Rituale, doch das Fernsehen vermittelt, was "modern" ist.