Man lebt eigentlich nur, um einzukaufen oder zu parken", resümiert der Kulturphilosoph Helge Schneider seine Autobiographie, Teil I. Die Verkehrswissenschaftler scheinen ihm recht zu geben: Gerade mal 45 Minuten pro Tag, hat das Münchner Institut Socialdata berechnet, wird ein Pkw in deutschen Ballungsgebieten bewegt. Den Rest der Zeit parkt der Wagen. Zwar meinen viele Verkehrspsychologen noch immer, der eigentliche Reiz des Automobils bestehe im Fahren, doch mit zunehmender Verkehrsdichte hat der Reiz des Parkens den des Fahrens abgehängt. Mit dem Thrill von Auseinandersetzungen um Parklücken kann es die rasanteste Autobahnfahrt nicht aufnehmen.

"Parken" kommt von "Park", dem mit Beginn des 18. Jahrhunderts auftauchenden Begriff für militärische Depots, in denen Kriegsgeräte aller Art gelagert wurden. In der Tat kann die Zahl von mehr als einer halben Million Toten durch Kraftfahrzeuge seit Ende des Zweiten Weltkriegs allein in Deutschland mit dem Resultat so mancher kriegerischen Mobilmachung mithalten. Der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Berliner Landesparlament, Rainer B. Giesel, forderte pikanterweise im März 1992 ein Parkraum-Mobilisierungsprogramm, womit er zugleich die faszinierende Dialektik vom Fahren und Parken tangierte, die von Verkehrsexperten gerne unter der Kontradiktion "ruhender Verkehr" abgehandelt wird.

Die Deutschen - ein Volk ohne Parkraum. Und das nicht erst seit der Massenmotorisierung. Bereits zur Jahrhundertwende gab es in Berlin ein mehrstöckiges Parkhaus für 250 Pferde, das von knappem Parkraum zeugt. Mit der Reichsgaragenordnung von 1939 wurde dann endlich der ersehnte Parkraum geschaffen. Die Reichsgaragenordnung lebt in den Bauordnungen der Bundesländer bis heute fort. Sie legen für Neubauten oder bei "wesentlichen Nutzungsänderungen" bestehender Gebäude die Zahl der zu errichtenden Stellplätze fest. Da spielt es keine Rolle mehr, ob der Parkraum überhaupt benötigt wird: Im Frühjahr 1994 beschloß das Regierungspräsidium Karlsruhe, daß auch bei der Unterbringung bosnischer Kriegsflüchtlinge, die zwar Leib und Leben, nicht jedoch ihre Pkw retten konnten, Autostellplätze geschaffen werden müssen.

Der Wohnraum fürs Auto liegt den Deutschen allemal näher am Herzen als der Waschraum für die Familie. Auf die Frage des Informationszentrums Beton, wo sie beim Wohnungsbau am ehesten sparen würden, gaben drei Viertel der Befragten an, auf ein zusätzliches Bad und WC verzichten zu wollen, nur die Hälfte von ihnen würde auf die Garage verzichten. "Die Garage ist das Schlafzimmer Ihres Autos", erklärte Alexander Spoerl seinerzeit dem Volk. Mit Sätzen wie "In der Garage will man um das Auto herumlaufen können" und "Eine Garage soll eine direkte Verbindungstür zur Wohnung haben" legte er zugleich die bis heute geltenden Baustandards fest.

Aktuelle Entwicklung: der Carport. "Durch die offene Bauweise kann die Luft unterm Dach zirkulieren - regennasse Autos trocknen schnell", pries Bild am Sonntag dessen Vorteile. Auch durch einen Carport läßt sich, folgen wir dem Bericht, das Auto ideal in das Wohnumfeld integrieren: "Beliebt sind Satteldachkonstruktionen, die mit genau den gleichen Dachpfannen wie beim eigenen Haus gedeckt werden können. Dann wirkt der Carport nicht als Fremdkörper."

Parken läßt sich durchaus wissenschaftlich be- trachten: Im Leitfaden Parkraumkonzepte der Bundesanstalt für Straßenwesen ist nachzulesen, daß eine bestimmte Anzahl von "Parkwilligen", die durch "Abstellvorgänge" zu "Parkfällen" werden, nicht automatisch zu einer "qualifizierten Nachfrage" führen müsse, da letztere nämlich von den jeweiligen "Parkzwecken" abhänge. Wenn man für diese qualifizierte Nachfrage eine "koordinierte Mehrfachnutzung" organisiere, steige mit dem "Umschlagsgrad" die den Parkfällen pro Platz und Tag entsprechende "Parkleistung" beziehungsweise der "Abstellflächenausnutzungsgrad" respektive die "Parkarbeit" ("Zahl der Parkfälle in/auf einer Anlage"). Hierbei sei im übrigen auch die maximale "Abflußziffer" relevant, die "alle innerhalb einer Zeiteinheit beendeten Parkvorgänge, bezogen auf die Anzahl der vorhandenen Abstellplätze", beschreibt.

Vor dem Parkfall steht zunächst einmal die Parkplatzsuche, die durch Pilz-, Hut-, Sitz- oder die schönen Bismarck-Poller von den städtischen Tiefbauämtern zunehmend erschwert wird. Da der Verband der Automobilindustrie in den Städten "bis zu 80 Prozent Parksuchverkehr" gezählt haben will, läßt die Forderung der Autolobby nach Ausbau der Parkplatz- und Zubringerkapazitäten nicht lange auf sich warten - selbstverständlich im Interesse des Umweltschutzes. Der Verkehrsexperte Karl Otto Schallaböck vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie hat sogar "an der Einfahrt belegter Parkhäuser bis zu 100 Prozent" Parksuchverkehr beobachtet. Wie dem auch sei: "Verdichtetes Bauen verlangt verdichtetes Parken", erklärt Elke Ernst von der Otto Wöhr GmbH, Anbieter "neuzeitlicher Parksysteme". Deren Hauszeitschrift Die Parklücke erläutert die ungeahnten Möglichkeiten hierfür, vom "Parklift mit Grube" über "Parkplatten in Quer- und Längsverschiebung" bis zum "Parksafe". Wo es an technischen Möglichkeiten mangelt, hilft nach amerikanischem Vorbild die Berliner park it Parkservice GmbH mit ihren "Allesparkern", die für die Fahrzeuge von Kunden noblerer Geschäfte Parkplätze sucht.