Diese - wenn man so will - Botschaft zur Lage der Nation aus der Feder eines Philosophen ist kein Buch für den politischen Alltag. Trotzdem ist es ein durch und durch politisches Buch. Freilich unterscheidet es sich gründlich von den bekannten programmatischen Bestandsaufnahmen prominenter Politiker, die rasch geschrieben und ebenso rasch und mit gutem Grund auch wieder vergessen werden.

Nein, Rohrmoser paßt nicht in das hergebrachte Schema des politischen Schriftstellers. Zwar nimmt er leidenschaftlich Partei; aber er ist kein Parteimann. Er analysiert fachkundig die politische Situation unseres Gemeinwesens; aber er ist kein Fach-Mann. Und obwohl er mit zugespitzten Werturteilen und engagierten Appellen nicht geizt, ist er doch weder Prophet noch Demagoge.

Aus der Fülle der Rohrmoserschen Gedanken können in einer kurzen Besprechung nur einige wenige zentrale herausgegriffen werden: Die Krisenerscheinungen in unserer Gesellschaft und in unserem politischen System hängen miteinander zusammen und sind alle Ausdruck einer fundamentalen Krise der sogenannten "Moderne".

Diese Krise der Moderne ist zutiefst eine Krise des Liberalismus; auch die sozialistische Fortschrittsutopie ist im Grunde nur ein Abkömmling der bürgerlich-liberalen Fortschrittsutopie.

Am deutlichsten kommt "die Krise des modernen, auch liberalen Fortschrittsbegriffs" in der die Menschheit bedrohenden Naturzerstörung zum Ausdruck. "Denn die Industriegesellschaft ist auf die Ausbeutung der Natur programmiert."

Der Versuch, die historisch gewachsenen Nationen Europas umstandslos in einen europäischen Bundesstaat einzuschmelzen, ist geschichtsfremd. "Ohne ein die Menschen zur affektiven Gemeinsamkeit Verbindendes" ist Demokratie nicht möglich.

Der Irrweg der liberal-sozialistischen Moderne seit der Aufklärung hat im Verlust der religiösen Bindung, in der "Entchristlichung", seinen tiefsten Grund.