Wenn einem die Welt entzweibricht

von Ria Endres

Meine Erinnerung an eine Portraitphotographie von Georg Trakl aus dem Jahr 1914, ein halbes Jahr vor seinem Tod im Alter von 27 Jahren, reicht zurück in eine Deutschstunde. Die Lehrerin zeigte das Bild herum, als könnten durch seinen Anblick die Gedichte besser verstanden werden. Mich fesselte Trakls Gesicht. So sah also der Dichter aus, dessen Verse mir nicht mehr aus dem Kopf gingen. Ich war damals sechzehn Jahre alt.

Noch heute wirkt diese Photographie wie eine Momentaufnahme aus einem Stummfilm. Damals habe ich vermutlich nur das Widersprüchliche geahnt: Die Augen würden auch faszinieren, wenn sie nicht so angestrengt in die Ferne blickten; die Gesichtzüge wirkten weniger erstarrt, wenn er nicht die Haltung des zeitlosen Erwachsenen einstudiert hätte, der mit einem militärischen Bürstenhaarschnitt endlich Teil der patriarchalen Welt geworden ist. Mißtrauisch distanziert hat sich Trakl für den Phototermin hergerichtet - und sich dabei gründlich überlegt, wie ein Dichter aussehen soll. Es ist ihm entgangen, wie es einem Mann der Provinz passieren kann, daß sein Anzug nicht die Pariser Eleganz seiner geliebten französischen Vorbilder ausstrahlt, ebenso wie der locker aufgelegte Daumen seiner rechten Hand nicht die Verkrampfung der neun übrigen Finger verdeckt.

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Die neue Bildmonographie von Hans Weichselbaum braucht keine Vorarbeit zu leisten. Sie kann sich auf die immer noch gültige Biographie von Otto Basil aus dem Jahr 1965 stützen. Es sind deshalb auch keine wirklich neuen Erkenntnisse über Trakl zu erwarten. Aber im Lauf der Zeit wurden einige Details gefunden, die das biographische Material ergänzen. Beim Durchblättern des Buches entsteht der Eindruck großer Sorgfalt. Der Autor hat die eher kargen Bilddokumente über Trakls Leben durch Postkarten, Schriftverkehr mit Behörden, Gutachten, Stadtansichten, die die Atmosphäre der untergehenden Habsburger Monarchie einfangen, in einen größeren Zusammenhang gestellt. Außerdem benutzt er Briefe, Erinnerungsfragmente und alle möglichen Aufzeichnungen von Trakls Freunden, um die Lebensspuren des Dichters zu verdeutlichen. Zum Glück interpretiert der Autor sein zusammengetragenes Material kaum, sondern breitet es einfach aus. So kann der Leser selbst auf Spurensuche gehen und die Bezüge zwischen Historie und Trakls Lyrik herstellen.

Die Bischofsstadt Salzburg. In ihr haben sich Tobias Trakl, dessen Vorfahren aus dem deutschsprachigen Teil Westungarns kamen, und seine böhmische Frau Maria niedergelassen. Der Eisenwarenhändler war Witwer, Maria Halik hatte sich scheiden lassen, weil sie von Tobias Trakl ein Kind erwartete, das kurz nach der Geburt an einem Gehirnödem starb. Salzburg eignete sich für einen Neubeginn; der 42jährige Tobias Trakl übernahm eine Eisenwarenhandlung. Seine um fünfzehn Jahre jüngere Frau bekam in den folgenden Jahren noch sechs Kinder. Auf dem einzigen Photo, das von ihr abgedruckt ist, zeigt sie sich als repräsentative Gattin mit stolz aufgetürmtem Haarschmuck, aber schwermütigem Gesichtsausdruck. Georg Trakl sieht ihr ähnlich. Die Photographien von Tobias Trakl vermitteln den Eindruck eines zufriedenen Geschäftsmannes: ein Mann, dem das Bürgerrecht verliehen wurde.

Als viertes Kind kam Georg Trakl 1887 am Waagplatz zur Welt. Einen Teil der häuslichen Belastungen übertrug die sicher überforderte Mutter Dienstmädchen und Gouvernanten. Eine elsässische Bonne, die den Kindern leidlich Französisch beibrachte, blieb vierzehn Jahre im Traklschen Haushalt. Den sechs wohlversorgten und behüteten Kindern fehlte es scheinbar an nichts. Sie spielen im Garten, machen Ausflüge, besuchen ein Volksfest. Die stattliche Zehnzimmerwohnung inmitten der Altstadt zeigt auf die Kaiseite der Salzach; jenseits des Flusses blickt man auf den Kalvarienberg mit seinem dichten Baumbewuchs. Im Innenhof des Hauses allerdings liefen die Ratten herum. Die Kinder lernen Klavierspielen, und Grete, die jüngste Schwester, bringt es schon bald zu herausragendem Können. An der Hand der Bonne erkundet Georg Trakl die Plätze, Brunnen und Kirchen, den Schloßgarten, den Friedhof und den Kalvarienberg mit dem Kreuzweg.

Georg Trakl nimmt alle Bilder in sich auf. Später wird er mit ihnen arbeiten. Als Schüler erforscht er auch die Umgebung Salzburgs mit ihren Wiesen, Wäldern und Stiften. In den Dorfschenken läßt er sich nieder, kehrt aber am Abend immer wieder in sein Elternhaus zurück. Wer die Gedichte Trakls kennt, weiß, daß er sich innerlich im Grunde nie aus der Umgebung seiner Kindheit entfernt hat, auch wenn er als junger Mann in Wien oder Innsbruck wohnte. Das Leben in der Stadt Salzburg war ein bedrohtes Idyll. Die Wohnsituation in Salzburg war katastrophal, ein Drittel der Einwohner mußte sich mit winzigen Zweizimmerwohnungen begnügen. Der Gymnasiast Trakl konnte immerhin in der elterlichen Wohnung ein eigenes Kabinett benutzen. Die städtischen Sickergruben wurden nur zweimal im Jahr geleert. Ansteckende Krankheiten wie die Tuberkulose grassierten. In die Salzach ergoß sich der Inhalt stinkender Kanäle und der Abfall eines großen Schlachthauses.

Warum gerät das Kind Georg in eine Familienfalle, der es nie mehr entkommt? Die Geschwister betonen ihre "normale" Kindheit, in der die Mutter Wäsche aus Wien bestellte und Wert auf gute Kleidung legte. Aber sie hinterließ in allen Räumen ihre Gefühlskälte, die besonders Georg und seine Schwester Grete lähmten. Georg bezeichnete seine Mutter später als "Opiumesserin" und "nervenkrank", als eine Frau, die er mit "eigenen Händen hätte ermorden können".

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